Reportagen schreiben, Berichte schreiben, Interviews schreiben … all das bereitet mir Freude. Aber ich wollte etwas Neues ausprobieren, ein noch kreativeres Format. Da traf es sich gut, dass ich zufällig auf „Ravensburg slammt“ im traditionsreichen Veranstaltungshaus Zehntscheuer aufmerksam wurde.
Eigentlich wollte ich schon im September mitmachen, doch die Teilnehmerliste war voll. Also meldete ich mich für den nächsten Termin an, im Januar. Ohne wirklich eine Vorstellung davon zu haben, was mich bei diesem Poetry Slam erwarten würde. Ja, ich hatte schon so manchen Beitrag auf YouTube gesehen, in Erinnerung blieb mir vor allem ein Vortrag von Julia Engelmann, in dem sie die Zuschauer dazu auffordert, Mut zu haben und die eigenen Ziele in die Tat umzusetzen. Sehr inspirierend!
Vor meiner ersten Vorstellung schaute ich mir allerdings keinen einzigen Poetry Slam an. Mein erster Text sollte möglichst „unvoreingenommen“ zustande kommen, möglichst authentisch sein. Über ein Thema, das mich aktuell beschäftigt.
Das Schreiben musste zügig gehen
Tatsächlich zog ich zum Jahreswechsel um – und bemerkte dabei, dass ich viel mehr Dinge besitze, als ich gedacht hätte. Ich fühlte mich wie ein Mensch mit Messi-Syndrom, umgangssprachlich auch „Messi“ genannt. Ein Gefühl, das vielleicht der ein oder andere im Publikum teilen würde, glaubte ich.
Also machte ich mich ans Schreiben, was relativ zügig ging, ja gehen musste, schließlich stand der Poetry Slam in wenigen Tagen an. Was mich aber dann doch überraschte, war eine Mail des Veranstalters, in der er den Ablauf erklärte: Es soll eine Vorrunde geben, in der in einer Gruppe drei Teilnehmer gegeneinander antreten, in der zweiten Gruppe fünf Teilnehmer. Wer ins Finale kommt, entscheidet das Publikum. „Moment, ein Finale? Dann brauche ich ja möglicherweise einen zweiten Text!“, dachte ich. Doch um diesen zu verfassen, war keine Zeit mehr. Ich pokerte, dass ich als Anfänger wohl nicht in das Finale kommen würde.
In der Tat waren bei „Ravensburg slammt“ viele Profis dabei, die schon seit Jahren bei Poetry Slams auftreten. Ein Teilnehmer, Gregor, reiste sogar aus Zürich an, um in Ravensburg in der Zehntscheuer aufzutreten. Er sagte, in Ravensburg sei das Publikum „toll“.
Die insgesamt acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer kannten sich größtenteils von anderen Auftritten, sei in Konstanz, Freiburg oder Graz. Sie erinnerten sich zurück an Meisterschaften und besondere Erlebnisse. Und sprachen so … poetisch. Selbst Erzählungen aus dem Alltag wirkten beinahe bühnenreif. Irgendwie beeindruckend, aber am Anfang auch befremdlich.

Zum Glück gab es noch Hannah, die ebenfalls aus Oberschwaben kommt und auch zum ersten Mal slammte. Ich war also nicht der einzige Neue an jenem Abend. Nach einer Stärkung in Form einer scharfen Suppe zeigte mir Veranstalter Marvin die Bühne und – ganz wichtig – wie ich das Mikrofon richtig einstellte, also auf die richtige Höhe. Damit mich die Zuschauer auch hören konnten.
Let the Show Begin
Los ging es! Marvin trat auf die Bühne, begrüßte das Publikum und ließ von einer Zuschauerin die Regeln erklären: Der Text muss selbst geschrieben sein, Requisiten sind nicht erlaubt. Das Zeitlimit setzte er auf „lockere“ sechs Minuten fest. Die Lautstärke des Applauses entschied darüber, ob die Kandidaten ins Finale kommen.
Die erste Kandidatin, Jana, lieferte einen beeindruckenden emotionalen Beitrag ab über ihr Leben als Polizistin und die Herausforderungen, die ihr Job mit sich bringt. Das Publikum war begeistert. Ich saß genau wie die meisten Teilnehmer hinter der Bühne und hörte von dort aus zu.
Nach einigen Auftritten und einer Pause war schließlich ich an der Reihe. Die anderen Kandidaten wünschten mir viel Erfolg – was nicht selbstverständlich ist, wenn man bedenkt, dass wir eigentlich Konkurrenten waren. Und so trat ich auf die Bühne, zum Glück war ich schon darauf vorbereitet, dass ich vom Mikrofon aus nicht das Publikum sehen würde, und zwar wegen der hellen Bühnenbeleuchtung.
Mein erster Slam-Text
Die Aufregung hielt sich noch in Grenzen, schließlich durfte ich meinen Text ablesen. Und dann trug ich folgenden Text vor:
Ich muss ein Geständnis ablegen:
Ich — bin — ein — Messi. Ja, ich bin ein Messi.
Ich bin kürzlich umgezogen
und habe ungelogen die Entdeckung gemacht,
dass ich tausend Dinge hab.
Wobei tausend noch konservativ geschätzt ist,
gefühlt geht die Wahrheit gegen unendlich.
Unendlich – erinnert ihr euch an die Schulmathematik?
Unendlich ist ziemlich viel.
Ziemlich schwer, wenn man Umzugskartons schleppt.
Ein Messi sammelt bekanntermaßen Dinge über alle Maßen,
die sich in seiner Wohnung stapeln.
Mehr, als er jemals brauchen könnte.
Und hat Schwierigkeiten, sie loszuwerden.
Zugegeben, ich kann Dinge wegwerfen.
loswerden, verkaufen, verschenken
Aber immer wieder denke ich:
„Das könnte ich irgendwann nochmal brauchen“
„Das könnte ich irgendwann nochmal brauchen“
„Das könnte ich irgendwann nochmal brauchen“, sagt die hypnotische Stimme in meinem Kopf
Das Sprossengerät für gesunde Brokkoli- und Alfalfa-Sprossen.
Ich habe es niemals ausgepackt.
„Das könnte ich irgendwann nochmal brauchen.“
Der Asterix-Comic auf Französisch.
Drei Seiten gelesen – vor 15 Jahren.
„Das könnte ich irgendwann nochmal brauchen.“
Aber jetzt mal ehrlich: Was besitze ich alles?
Ein paar hundert Bücher.
Für die Waschmaschine: Schmutzfangtücher.
Dicke Versicherungsordner, extra dicke Räucherstäbchen,
dünne Wandtücher und extra dünne Präservative.
Blaue Schuhe, grüne Schuhe, schwarze Schuhe, weiße Schuhe –
und Erinnerungen an die Schule, fein säuberlich in Fotoalben.
Und dann denke ich an Mahatma Gandhi.
Er besaß:
Ein paar Kleidungsstücke.
Sandalen. Eine Brille.
Eine Taschenuhr. Essgeschirr.
Und: Ein Spinnrad.
So wenig – und trotzdem so viel bewirkt.
Ich dagegen schleppe Kartons voll mit Plänen,
die nie verwirklicht wurden.
Statt Französisch lernte ich andere Sprachen.
Statt Sprossen nehme ich andere gesunde Mittelchen.
Und das ist okay, es ist in Ordnung.
Prioritäten ändern sich.
Und damit auch die Dinge, die man braucht – oder eben nicht.
Aber jetzt wird’s provokant, Anzugträger aufgepasst:
Brauche ich ein Bügeleisen? Ich nutze es zweimal im Jahr. Punkt.
Brauche ich Bücher? Stadtbücherei. Punkt.
Brauche ich einen Fernseher? Der Zeitfresser muss weg. Punkt.
Brauche ich ein Sofa? Kissen auf dem Boden. Punkt.
Brauche ich ein Bett? Luftmatratze. Punkt.
Und brauche ich überhaupt eine Wohnung? Zelten ist doch wie Urlaub … Punkt.
Zu radikal? Vielleicht.
Wichtig bleibt:
Das Gefühl von Klarheit, wenn man weniger besitzt.
Es entsteht Raum für so Vieles.
Ich muss ein Geständnis ablegen: Ich glaube an die Klarheit. Ich glaube an die Einfachheit.
Ich — bin — ein — M… — Minimalist.
Fazit: eine schöne Erfahrung
Und damit war ich fertig mit dem Auftritt. Das Publikum jubelte, es hatte ihnen gefallen!
Dass ich es am Ende nicht ins Finale schaffte: geschenkt! Beziehungsweise: umso besser, weil ich ja keinen zweiten Text verfasst hatte.
Es war jedenfalls ein schönes Gefühl, meine Gedanken auf diese Weise auszudrücken, so emotional, so persönlich und so kreativ. Vielleicht nehme ich ja mal wieder an einem Slam teil, ich könnte mir das durchaus vorstellen. Dann aber mit mehr Vorbereitungszeit 🙂
Keine Antworten