Das ungarische Schuljahr beginnt traditionell mit einer feierlichen Eröffnung am Sonntag vor dem ersten Schultag. Alle Mädchen erscheinen im Matrosenanzug, wobei man etwas zu viel Haut sehen kann. Die Jungs haben sich Anzüge angezogen. Mir wird verraten, dass die Schülerinnen und Schüler diesen Aufzug immer an Festtagen der Schule anziehen müssen; dennoch wird häufig im Tesco eingekauft, da Kinder bekanntermaßen schnell aus Kleidern herauswachsen. Des Weiteren höre ich, dass nicht alle freiwillig da sind. Bei den Lernenden finde ich das nicht verwunderlich, da ich von mir annehme, mich gut in sie hineinversetzen zu können. Es kommt hinzu, dass viele von ihnen weit anreisen mussten und somit fast ein ganzer Ferientag geraubt wird. Doch mit „alle“ meine ich nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lehrenden. Es gab in der Vergangenheit wohl Bestrebungen des Lehrerkollegiums, diese Eröffnungsfeier abzuschaffen, woraufhin sie von der Schulleitung aufs Strengste ermahnt wurden. Es werden viele Reden auf Ungarisch geschwungen und alle wichtigen Personen der Stadt sind da. Mir ist egal, dass ich in diesem Moment nichts verstehe. Mir ist auch egal, dass es viel zu heiß ist und die Schülerinnen und Schüler sich in Reih und Glied auf dem Sportplatz vor dem Lehrerkollegium samt mir aufstellen. Mir geht nur eines durch den Kopf: Gleich wird die Schulleiterin mich vor den ca. 50 Lehrern und allen 700 Schülerinnen und Schülern vorstellen… Irgendwann kommt der Moment, ich begreife sofort, dass mein Name auf Ungarisch ausgesprochen wie „Schimon“ klingt. Ich erhebe mich, die Menge klatscht, ich bekomme eine Blume zur Begrüßung. Geschafft! Dies alles wurde vom Regionalsender Tatai TV aufgenommen. Hier mein Fernsehmitschnitt (in zugegeben schlechter Qualität): http://www.youtube.com/watch?v=2-SBRfQ9cOo Wer findet mich? Der Schulalltag wird in diesem Blog sicherlich viel Platz finden, dennoch will ich erste Eindrücke schildern. Ich bekomme einen eigenen Schreibtisch im „Deutsch-Stützpunkt“, das ist der Raum für den Fachbereich Deutsch. Dort treffe ich andere Deutsch-Kolleginnen, die neugierig und sehr freundlich auf mich zugehen. Sie finden es gut, dass ich sie und die Schule unterstützen möchte. Das gibt mir das gute Gefühl, gebraucht zu werden. Die Lehrerinnen und Lehrer dieser Schule brauchen auch – nach ihrer eigenen Aussage – eine Unterstützung von außen. Sie seien maßlos mit überhöhten Stundenzahlen und vergleichsweise geringem Verdienst überlastet. Um überhaupt ein anständiges Leben führen zu können, hätten die meisten von ihnen Nebenjobs bzw. geben Privatstunden. Das geringe Gehalt sei auch der Grund dafür, dass sich so wenig Männer für den Lehrerberuf entschieden, da in Ungarn immer noch traditionelle Rollenbilder (der Mann ist der Ernährer) stark hervortreten würden. Bisher sind meine Aufgaben überschaubar. Zunächst werde in den unterschiedlichen Deutschklassen dabei sein. Es geht um Kommunikation, ich soll aber z.B. auch bei einem Deutsch-Wettbewerb mitwirken. Das klingt alles sehr spannend; das Beste ist, dass ich meine eigenen Ideen verwirklichen kann.  

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