Warum in der Großstadt leben? Wegen des kulturellen Angebots, nicht wahr? 😉 Nun, ich besuchte für ein paar Tage Berlin und recherchierte, welche Filme gerade im Kino laufen. Dabei stieß ich auf „Anora“, einen Oscar-prämierten Film aus dem Jahr 2024, der mich auf Anhieb ansprach.
Die junge Stripperin Anora lernt in New York Ivan Sacharov kennen, den unreifen Sohn eines reichen russisches Oligarchen. Ivan engagiert Anora für mehrere sexuelle Begegnungen, für eine Woche spielt sie seine Freundin und lernt den luxuriösen Lebensstil zu schätzen – bis Ivan Anora fragt, ob sie ihn heiraten möchte. Für Ivan wäre dies eine Möglichkeit, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben und nicht nach Russland zurückkehren zu müssen, wo die Arbeit in der Firma des Vaters Nikolai Sacharov wartet (der übrigens den identischen Namen trägt wie ein sowjetischer Serienmörder). Er beteuert, dass seine Liebe echt sei.
In Las Vegas geben sich die beiden das Ja-Wort, doch das Glück währt nicht lange. Denn Ivans Eltern und deren Handlanger in den USA erfahren von der Hochzeit – aus ihrer Sicht eine Schande für die Familie und ein Ding der Unmöglichkeit.
Eine bewegende Annäherung
Der Film verdeutlicht den Einfluss, welche eine reiche Oligarchenfamilie hat, um ihren Willen auch durch andere durchzusetzen. Toros’ Vorgehen ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist Patenonkel Ivans, den die Sacharovs beauftragt (und bezahlt) haben, auf ihren Ivan „aufzupassen“. Diese Aufgabe hat Priorität über allem anderen und geht sogar soweit, dass der Priester eine Taufe verlässt, als er von der unerhörten Ehe erfährt. Mithilfe von Drohungen schafft es Toros, dass die Annullierung der Ehe von Ivan und Anora vor Gericht bevorzugt behandelt wird.
Urkomisch und bewegend ist die Annäherung von Anora und Igor im Verlauf des Films. Igor ist ein Handlanger von Toros – ein Mann fürs Grobe, aber gleichzeitig eher schüchtern und ein „Good Guy“. Bei der ersten Begegnung fesselt Igor Anora, sodass sie nicht wegrennt – worauf sie laut protestiert und gar ihn beißt. Doch mehr und mehr zeigt sich: Igor ist eigentlich auf Anoras Seite und ist deutlich erwachsener als Ivan. Vor den Eltern Ivans fordert Igor den Oligarchensohn nach der Annullierung der Ehe auf, sich für das Schlamassel zu entschuldigen, in das er seine Familie, deren Handlanger und Anora gebracht hat. „Mein Sohn muss sich bei niemandem entschuldigen!“, entgegnet Galina Sacharowa, Ivans Mutter.
Schön ist die Mehrsprachigkeit des Films auf Englisch und Russisch. In beiden Sprachen wird allerdings ordentlich geflucht, was für mich eher gewöhnungsbedürftig ist.
Alles in allem: „Anora“ reißt mit, ist lustig und lehrreich. Ich habe während der Vorführung jedenfalls vollkommen vergessen, dass ich mich in einem Kino in der Großstadt Berlin befand.
Eine Antwort
[…] gehe ich nicht so oft ins Kino. Aber nach „Anora“ habe ich Lust bekommen, wieder einen Film zu besuchen, diesmal in Weingarten in der „Linse“: […]