Ich bin wieder da, in der Ökohauptstadt Deutschlands. Es ist kurz vor halb sieben abends, die Sonne möchte bald untergehen. Und ich tue etwas, was kaum typischer für Freiburg sein könnte, ich fahre Rad. Düse durch die Wiehre, das Viertel mit vielen altehrwürdigen Gebäuden, viele davon Villen von Studentenverbindungen. Ein AfD-Plakat ist von Weitem zu sehen. Steht dort etwa „Kampf“!? Doch bevor ich mich aufregen kann, sehe ich, dass lediglich ihr Freiburger Spitzenkandidat Volker Kempf heißt. Dann bin ich angekommen in der Schillerstraße 22, einem schönen Altbau. Hier befindet sich eine Hebammenpraxis. „Wird Simon nun Vater?“, wird sich der ein oder andere Leser fragen. Die kurze Antwort lautet: Nein. Was ich dennoch an diesem für mich ungewöhnlichen Ort suchte, erfahrt ihr im folgenden Artikel.

Vor etwa einem halben Jahr entdeckte ich die Meditation für mich. Im Alltag sind Menschen immer damit beschäftigt, etwas zu tun. Sie arbeiten, laufen, kaufen ein, lesen, schauen fern. Im Gegensatz dazu steht das Sein. Man tut nichts, sondern ist einfach, zufrieden im Hier und Jetzt. Genau darum geht es bei der Meditation: Man achtet auf seine Atmung und die Empfindungen im Körper und erlebt so den gegenwärtigen Moment, genau, wie er ist. Langfristig betrieben, soll Meditation viele gesundheitliche und persönliche Vorteile haben. Etwa soll man sich besser konzentrieren können und Erkältungskrankheiten träten weniger häufig auf. Eine detaillierte Beschreibung der Vorteile und eine einfache Methode, wie man heute schon mit Meditieren beginnen, findet ihr hier (Englisch).

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Kürzlich installierte ich auf meinem Handy die App „MeetUp“, bei der sich Gleichgesinnte der unterschiedlichsten Bereiche treffen können. Hier fand ich das „Meditationsmeetup Freiburg“. Meditation und Yoga, einmal in der Woche, kostenlos. Super, da muss ich hin! Da kann ich bestimmt viel über Meditation lernen.

Gesagt, getan. Nun bin ich also mit dem Fahrrad an der Hebammenpraxis in der Wiehre angekommen und betrete das Treppenhaus mit den hohen Decken gespannt, was mich oben erwartet.

In der Praxis begrüßt mich ein lächelnder Mann, der sich als Erol, unser Coach, vorstellt. Dann sind da zwei Frauen. Ich bin der Jüngste.

Im Raum, in dem die Meditation stattfinden soll, ist indisch klingende Musik zu hören. Nicht zu übersehen ist das Bild einer Frau, das zusammen mit einer Kerze auf einem Tischchen steht.

Erol kommt aus der Türkei, spricht ein bisschen Deutsch und ein bisschen mehr Englisch. Er ist Mathematiker und lebt mit seiner Frau in Basel, gibt aber in seiner Freizeit Meditationskurse. Als nächstes stellt sich Andrea vor, die wie ich zum ersten Mal dabei ist. Sie unterrichtet körperbehinderte Kinder und betreibt in ihrer Freizeit schon viel Yoga. Als nächstes bin ich an der Reihe. Bevor ich auch nur einen Satz über mich gesagt habe, rät der Guru, dass ich Student bin. Das sehe man mir an.

Die andere Frau ist Simona aus Rumänien, genauer gesagt Transsilvanien. Da läuten natürlich bei mir als altem Ungarn die Glocken, denn in Transsilvanien leben viele ethnische Ungarn. Ich spreche sie auf Ungarisch an, sie antwortet, doch so recht begeistert wirkt sie dabei nicht. Es stellt sich heraus, dass Simona ethnische Rumänin ist, die lediglich Ungarisch in der Schule gelernt hat. Bin ich etwa in ein Fettnäpfchen getappt? Denn, wie ich hörte, vertragen sich Ungarn und Rumänen in Siebenbürgen, wie Transsilvanien auch genannt wird, nicht so gut.

Wo bleibt die Meditation?

Die Sitzung beginnt. Wir sitzen auf Decken oder Stühlen in einem Kreis. Es gibt viel mehr theoretischen Input, als ich erwartet hätte. Ich erfahre, dass die Meditationstechnik, die wir praktizieren werden, Sahaja Yoga heißt und aus Indien kommt. Erol erzählt etwas von Chakras, gewissermaßen Energiezentren im Körper. Sind Chakras blockiert, komme es langfristig zu gewissen Krankheiten wie Asthma oder Depression. Ein bestimmtes Chakra sei mit dem Vater verknüpft. So berichtet er von einem Kind, das Asthma hatte. Darauf fing der Vater mit Sahaja Yoga an. Nach drei Monaten ging es dem Kind schon viel besser, nach einem Jahr der Meditation sei es geheilt gewesen.

Er erzählt von der indischen Dame auf dem Bild, der geistigen Anführerin dieses Yogas. Sie hat einen unaussprechlichen Namen. Jedenfalls hätte sie erkannt, dass viele indische Einwanderer in Europa und den USA den gestressten Westlern Yoga und Meditation anbieten würden, dies aber nicht fundiert, sondern nur, um ihnen so viel Geld wie möglich abzuknöpfen. Also gründete die Inderin Sahaja Yoga als kostenlose und wirklich wirksame Alternative.

Nach fast einer halben Stunde frage ich mich, wo die eigentliche Meditation bleibt; denn deshalb bin ich schließlich hier. Und nun kommt tatsächlich ein wenig Bewegung ins Spiel: Wir sollen beide Hände offen in den Schoß legen, und dann mit der rechten Hand verschiedene Stellen des Oberkörpers berühren und dabei Sätze zwischen vier und 16 Mal wiederholen. Solche Sätze lauten etwa: Mutter, gibt mir reines Wissen! Oder: Mutter, ich möchte mir und anderen vergeben!

Im Anschluss daran meditieren wir, allerdings nur für etwa zwei Minuten. Dann sollen wir eine Hand über unseren Kopf heben und dann fühlen, welche Temperatur die Handflächen haben. Sind sie warm, so wendeten wir zu viel Gedanken auf die Vergangenheit oder Zukunft auf. Oder so ähnlich. Andreas rechte Hand ist wärmer als die linke. Erol erklärt langatmig, sein Dauerlächeln immer noch nicht verloren, was dies zu bedeuten habe. Dann fragt er mich. Ich weiß nicht so recht, was ich antworten soll, denn ich halte solche Empfindungen eher für Einbildung. Offenbar will er über die Andrea gegenübergestellte Situation sprechen, also sage ich, dass meine linke Hand wärmer als die rechte sei. Erol sagt, ich mache mir zu viele Gedanken über die Vergangenheit und sollte mir selbst und anderen vergeben.

Nach einer weiteren kurzen Meditation schauen wir ein Video an, das den Titel „Der Weg zur Wahrheit“ hat. Der Film stellt sich als wenig subtile Werbung für Sahaja Yoga heraus. Es wird mit starken Kontrasten gespielt. Zuerst das gestresste Großstadtleben, dann schöne Naturbilder. Der Sprecher mit österreichischen Dialekt verspricht mit einer solchen Art von Yoga, dem Stress auf eine einfach Weise zu entkommen und zur Wahrheit zu finden.

In einem weiteren kurzen Video begegnet man einem Engländer. Er trägt einen Anzug und sitzt in einem Büro. Soll er dadurch seriös wirken? Eine Identifikationsfigur für den Zuschauer? Er spricht davon, welche Rituale man im Alltag am besten lebt, um seine Chakras zu reinigen. Vor der Meditation soll man beispielsweise seine Füße mit Salzwasser, am besten Meersalz, waschen.

Damit ist die Sitzung beendet. Ich bin sehr müde, die anderen scheinen es auch zu sein. Ich drücke erste Gedanken zum Erlebten aus. Ich sage Andrea, dass mir das Ganze wie eine Religion vorkomme, doch eigentlich sei ich nur auf der Suche nach Entspannungsübungen gewesen. Jene erwidert, sie hätten doch im Video gesagt, dies sei keine Religion.

Erol verabschiedet sich. Ich unterhalte mich noch auf dem Weg zum Fahrrad mit Simona über Rumänien. Sie wirkt wie die anderen zwei auch sehr ruhig und glücklich. Ich kann es nicht genau eingrenzen, aber irgendetwas stimmt mit diesen Menschen nicht.

Die Offenbarung

Mittlerweile ist es dunkel und ruhig in der Wiehre. Die Dreisam plätschert gemütlich. Wie gewohnt möchte ich die Lichter an meinem Fahrrad befestigen. Doch etwas lähmt mich; die unangenehme Müdigkeit nimmt noch weiter zu. Hoffentlich schlafe ich nicht beim Fahren ein.

Woher kommt dieses Gefühl? Waren es die merkwürdigen Riten? Oder doch diese ominöse Duftkerze, die im Raum brannte?

Zu Hause angekommen, will ich sofort ins Bett gehen. Um halb zehn bin ich schon seit mindestens zehn Jahren nicht mehr schlafen gegangen. Es fällt mir sogar schwer, mich zum Zähneputzen aufzuraffen. Ich berichte einer Freundin über das Erlebte. Will schon ins Bett, doch denke mir, dass ich noch ein bisschen mehr über Sahaja Yoga herausfinden möchte.

Und dann kommt die Offenbarung: Tippt man bei Google „Sahaja Yoga“ ein, so lautet der erste Vorschlag zur Ergänzung: „Sekte“. Oh Gott. Jetzt ist mir alles klar. Warum der Kurs kostenlos ist. Das Portrait der Sektenanführerin. Die komischen Riten. Die propagandistischen Videos. Warum die Leute wie auf Drogen wirkten. Die Müdigkeit ist nun wie weggeblasen und wird durch Neugier ersetzt.

Aus einem Bericht der Schweizer Sektenfachstelle „infoSekta“ erfahre ich Genaueres über Sahaja Yoga: Zum einen wird eine leicht zu erlernende Meditationstechnik angeboten, die tiefe Entspannung bringen soll. Andererseits postulieren Sahaja Yoga-Anhänger einen absoluten Wahrheitsanspruch. Ihre Religion sei die einzig richtige Religion. Dementsprechend wollen sie auch unter sich bleiben: Es werden Hochzeiten und sogar Trennungen von „ungläubigen“ Ehepartnern arrangiert. Noch problematischer finde ich, dass die Kinder der Religionsgemeinschaft weit weg von ihren Eltern in Yoga-Schulen unterrichtet werden.*

Zudem wird von Anhängern behauptet, dass Sahaja Yoga Symptome schwerwiegender Krankheiten wie z.B. Depressionen oder Asthma mildern könne, bzw. diese sogar vollkommen heilen könne. Doch wissenschaftliche Studien, die dies beweisen sollen, wurden meist selbst von Sahaja Yogis angefertigt.*

Weiterhin steht hinter dieser Art von Yoga eine Organisation, die von der Guruperson Shri Mataji Nirmala Dev geführt wird – die Frau auf dem Bild. Anhänger des Sahaja Yoga glauben, dass jene Dame die Inkarnation des Heiligen Geistes sei. Shri Mataji wird gottähnlich verehrt; sie fordert von ihren Anhängern unbedingten Gehorsam. „Sahaja Yoga betont zudem immer wieder, dass die Initiierung kostenlos sei. Aussteiger berichten jedoch von grossen [sic!] finanziellen Ausgaben zum Beispiel für den Bau von Ashrams [klosterähnliches Meditationszentrum, Anmerkung des Verf.] oder Immobilienkäufe, von welchen Shri Mataji persönlich profitiert haben soll.“*

Letztlich scheint mir, dass ich bei Sahaja Yoga viele Merkmale einer Sekte finden konnte; auf jeden Fall ist mir die Organisation äußerst dubios und ich werde kein weiteres ihrer Treffen besuchen.

Zum Glück habe ich das Erlebte kritisch hinterfragt und gegoogelt. Das ist dann auch die eigentlich offensichtliche, aber dennoch wichtige Lektion dieser ungewöhnlichen Erfahrung: Immer kritisch und aufmerksam bleiben.

Bis demnächst,

Euer Simon


* Zurbriggen, Seraphina (2006): Sahaja Yoga. Online verfügbar unter http://www.infosekta.ch/media/pdf/S_SY_Zurbriggen-VorwortStellungsnahme_.pdf. Zuletzt geprüft am 21.09.2017.

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