Heute realisierte ich etwas einmal mehr: Ich habe ein Talent. Und zwar ein Talent, mit interessanten Leuten ins Gespräch zu kommen und sie unbewusst dazu zu bringen, dass sie mir ihre Lebensgeschichte erzählen. Dies geschah auf Zypern, mit russischen Taxifahrern – und nun auch in meinem Freiburger Stadtteil Vauban. Dominik*, den ich im Wohnheimsflur kennen lernte, war sieben Jahre lang mit einer italienischen Anhängerin der Zeugen Jehovas verheiratet, trennte sich, lebte auf der Straße, und blickt dennoch positiv der Zukunft entgegen.

Es ist elf Uhr dreißig an diesem herbstlichen Donnerstag im September. Zeit, mit dem Fahrrad in die Stadt zu fahren und in der Mensa Rempartstraße mit meinem russischen Tandempartner Kostja essen zu gehen, oder, wie man auch als Freiburg-Insider sagt, zu „mensieren“. Also verlasse ich mein Wohnheimsgebäude. Auf der Treppe sitzt ein Mittdreißiger mit dunklen Haaren. Er spielt auf seinem Handy und lädt gleichzeitig einen mobilen Akku an der einzigen frei verfügbaren Steckdose im Haus auf. Wir grüßen uns; ich denke nicht weiter darüber nach.

Als ich nach dem Mensieren und meiner Arbeit am Slavischen Seminar der Universität zurückkomme, sitzt der Mann immer noch auf der Treppe. Wir grüßen uns erneut. Wer ist das, und warum sitzt er so lange dort?

Ich gehe meine übliche Runde Richtung Schönberg joggen und treffe ihn wieder am Eingang an. Kurzer Smalltalk: Ich erzähle, wie schön man hier laufen gehen kann.

Es ist mittlerweile dunkel geworden. Ich bringe den Müll raus, und der Mann sitzt immer noch da, spielt immer noch auf seinem Handy, lädt immer noch seinen Akku auf. Jetzt packt mich aber die Neugier. Also kommen wir ins Gespräch.

„Ich wohne bei einem Kollege“, sagt der gebräunte Mann, der sich als Dominik* vorstellt. Natürlich ist mir bekannt, dass man im Freiburger Raum einen Menschen auch als „Kollegen“ bezeichnet, wenn man mit ihm gut befreundet ist. Doch der Freund sei gerade nicht zu Hause und habe nur eine Steckdose im Zimmer, an der alles angeschlossen sei. Es stellt sich heraus, dass jener Bekannte in der „Susie“ wohnt, der Selbstorganisierten Unabhängigen Siedlungsinitiative. Dort leben äußerst alternativ eingestellte Menschen, man könnte auch sagen: Hippies. Dominik berichtet, die Zimmer seien recht klein, nur so neun Quadratmeter. Er habe dort auch einen anderen „schwarzen“ Kollegen, der mit anderen Dunkelhäutigen zu viert in einem solchen Zimmer schlafe. „Die Schwarzen sind da flexibler, sag ich mal“, meint er.

„Was studierst du?“, will Dominik von mir wissen. Ich berichte von meinem Studium der Politikwissenschaft und Slavistik. „Ihr seid alle so schlau“, meint Dominik. Ich entgegne: „Nur, weil man studiert, ist man noch lange nicht schlau.“ Und dann ist der Damm gebrochen und Dominiks Lebensgeschichte sprudelt aus ihm heraus. Er spricht schnell, fast gehetzt, wiederholt Dinge oft, als ob er Angst hat, dass sein Gegenüber nicht richtig zuhört.

Dominik kommt ursprünglich aus Freiburg. Hat Schreiner gelernt, aber jahrelang als Fensterbauer gearbeitet. Bei einer Technoparty eine heißblütige italienische Millionärin kennen gelernt. Zu ihr nach Villingen gezogen, wo auch ihre Eltern wohnen. Nach vier Jahren heirateten sie, bekamen Kinder. Man aß nur das Beste vom Besten, der Frau gehörten vierzehn Häuser, drei Sportwagen. Ein scheinbar perfektes Leben.

Doch dann begann die Italienerin und ihre Eltern mehr und mehr in eine Sekte reinzurutschen. Nach den Ansichten der „Zeugen Jehovas“ lebte die Familie fortan. Das hieß etwa, dass kein Weihnachten und kein Geburtstag mehr gefeiert werden durfte. Dominik musste nach der Arbeit, wenn er total geschafft nach Hause kam, noch Bibelunterricht nehmen. Dabei lernte er, der sich als Katholiken bezeichnet, unter anderem, dass „Gott nicht Gott heißt, sondern Jehova. Total bekloppt! Ich will mich gar nicht an all den Schwachsinn erinnern.“ Und auch die Kinder sollten zu gläubigen Zeugen erzogen werden. „Das war ein großer Streitpunkt. Ich wollte, dass die Kinder ihre Religion frei wählen können, doch das kam für meine Frau und ihre Eltern nicht infrage.“

Die Ehe zerbrach dann auch nach sieben verflixten Jahren. Die „Zeugen“ untersagen eigentlich Trennungen außer in Fällen, wenn etwa der Mann die Frau schlägt. Doch da die reiche Italienerin horrende Mitgliedsbeiträge an die Sekte zahlte, war eine Scheidung dann doch möglich.

Im Ehevertrag stand, dass jeder der Partner sein Eigentum behält. Darauf bestanden die Eltern. So stand Dominik mit nichts da. Versuchte, in Villingen Arbeit zu finden. Dies stellte sich als schwierig heraus. Eine Wohnung bekam er. Doch die war voller Schimmel, was Dominiks wiederum Schübe von Neurodermitis bereitete. Der Vermieter wollte nichts richten. Dominik verklagte ihn, worauf der Vermieter „auf Eigenbedarf“ kündigte.

Damit begann der Tiefpunkt in Dominiks Leben. Er zog zurück nach Freiburg. Mit seinen ebenfalls in Freiburg lebenden Brüdern hatte er sich verstritten, zu jenen konnte er also nicht ziehen. Eine Wohnung in der Studentenstadt zu finden war schwierig, also lebte er auf der Straße. Auch im Winter.

Dominik arbeitete eine Zeit lang auf dem Bau. Doch „den Tag über zu schuften und dann kein Zuhause zu haben, das ist sehr anstrengend“. Das kann ich mir gut vorstellen. Jeder Mensch braucht einen Rückzugsort. Mir reicht es ja schon, für ein paar Nächte im Hostel in einem Zimmer mit Fremden zu schlafen.

Manchmal schlief er auch im Keller von Studentenwohnheimen. Die Hausmeister kannten ihn und warfen ihn nicht raus. Denn Dominik sei kein gewöhnlicher Obdachloser gewesen. „Ich habe immer darauf geachtet, dass man mir es nicht anmerkt. Ich dusche, rasiere mich, wasche meine Wäsche.“ Außerdem trinke er nicht und nehme auch sonst keine Drogen.

Dominik lernte immer mehr Leute im Vauban kennen. Er kennt unzählige Studierende und Bewohner der Susie und hat ihre Handynummern. Offenbar ist es Dominik wichtig, mir zu zeigen, wie beliebt er ist. Und einer seiner neuen Bekannten aus der Susie gewährte ihm letztendlich Asyl. Zum Handy laden kommt er aber immer wieder ins Wohnheim.

Dominik hätte allen Grund, nach all dem, was ihm widerfahren ist, in Depression zu versinken. Doch das tut er nicht, eher im Gegenteil. Er scheint das Leben zu genießen, zufrieden damit zu sein, was er hat. „Bringt doch nichts, den Kopf hängen zu lassen. Es muss immer weiter gehen“, sagt Dominik.

Dann ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. „Werden uns bestimmt wieder sehen“, meint Dominik. „Mach’s gut, Kollege!“


* Name geändert.

One thought on “Der gepflegte Obdachlose

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