Sommer, Sonne, Sonnenschein – dafür ist der russische Februar nicht gerade berühmt. Grund genug, der Kälte zu entkommen und die vorlesungsfreie Zeit auf Zypern zu verbringen. Umrahmt wurde mein entspannter Urlaub von lustigen, aber auch philosophischen und nachdenklichen Gesprächen.


Ich liebe es, meine Wäsche zusammenzulegen. Nein, nicht ganz. Ich liebe es, wenn ich dadurch verhindern kann, mich einer wichtigeren, herausfordernderen Aufgabe zu stellen. Prokrastination nennt man heutzutage.

Genau dies passierte, als ich Ende Januar aus der russischen Kälte in den zyptriotischen Süden floh. Eigentlich hätte ich schon längst mein Gepäck für zwei Wochen in einen maximal zehn Kilogramm schweren Rucksack quetschen müssen – doch die Wäsche musste doch zusammengelegt werden!

Die Verspätung holte ich zum Glück mit einer Fahrt mit dem Taxi statt mit der Marschrutka auf und erreichte meinen Nachtzug von Voronež nach Moskau pünktlich. In einem Viererabteil wartete der berentete Anatolij aus Tula auf mich. Obwohl er schon Jahrzehnte kein Deutsch mehr gesprochen hatte, konnten wir ganz gut kommunizieren. Das überraschte ihn selbst. Er war richtig begeistert von mir und sich. Etwas, das von seinem Deutschwissen übrig geblieben ist, war auch für mich neu, und zwar das Wort „Abort“ für Toilette.

Es gibt wohl kaum einen besseren Ort auf der Welt, um interessante Menschen kennen zu lernen, als einen russischen Zug…

Dann lernte ich auf dem Gang bei einem nachdenklichen Blick aus dem Fenster auf einsame Dörfchen noch die Jurastudentin Nastja kennen. Ich fragte sie, ob sie mit mir im Speisewagen einen Tee trinken wolle. Nastja lehnte ab. Dann fragte ich sie Minuten später ein zweites Mal. Nastja willigte geradezu freudig ein. Hier bestätigte sich die Weisheit meiner Dozentin Raiza Andreeva wieder einmal: Will man mit einer russischen Frau etwas unternehmen, muss man hartnäckig sein und zwei, drei, vier Mal fragen. Dann willigen sie ein. Russinnen benutzten dies offenbar als eine Art Schutzmechanismus, um nur mit solchen Männern zu tun zu haben, die sich wirklich um sie bemühen.

Durch Nastjas Spezialisierung an der Uni könne es gut sein, dass sie später beim Geheimdienst FSB arbeiten werde. Solche Kontakte muss man sich warm halten… Als es am Schluss ums Bezahlen ging und ich mich schon darauf einstellte, alles zu übernehmen, passierte etwas Überraschendes: Nastja bestand darauf, mich einzuladen. Sowas ist mir in Russland noch nie passiert.

Was bedeutete das? Sie mag mich? Sie ist fortschrittlich, kämpft gegen das Stereotyp des „starken“ Mannes, der für die „schwache“ Frau bezahlt? Oder sollte ich mir einfach weniger Gedanken machen?

Nicht gerade ausgeschlafen, aber dafür mit spannenden Gedanken aufgeladen kam ich um vier Uhr morgens am Kursker Bahnhof in Moskau an. Die Gleise befinden sich unter freiem Himmel, so stachen die Minusgrade meine noch nicht verpackten Körperstellen. Schnell zog ich Mütze und Handschuhe über. Bald sollte dies nicht mehr nötig sein, denn mich rief diesmal nicht der wilde Osten, sondern der warme Süden…

Nach der gewohnt wenig effektiven Sicherheitskontrolle ging ich ins Bahnhofsgebäude, um ein Uber-Taxi zu bestellen. Der Fahrer kam schnell in seinem dunklen Nissan Almera an. Wir müden Krieger zögerten, ein Gespräch zu starten. Doch dann stellte sicher heraus, dass mein Chauffeur selbst 30 Jahre lang auf Zypern gelebt hatte.

Der gebürtige Armenier hatte lange Zeit in seiner Heimat bei Marlboro gearbeitet – dann wurde die Regionalabteilung geschlossen. Als nächstes zog es ihn nach Zypern, doch mit der Einführung des Euro 2008 sei alles den Berg runtergegangen. Jetzt fährt er also in Moskau Taxi. Der Fahrer ist damit ein wahrer Wirtschaftsflüchtling. Kommt irgendwo die Krise, zieht er einfach woanders hin. Ist das opportunistisch? Oder aber mutig? Jedenfalls wirkte er nicht besonders glücklich. Ein paar Tipps für Zypern hatte er dennoch auf Lager.

Kulturschock der positiven Art

Drei Stunden dauerte der Flug. Blickte man kurz vor der Landung aus dem Fenster der Maschine, eröffnete sich einem ein Paradies aus netten Städtchen, naturbelassenen Stränden und – vor allem – Sonne. In im griechischen, südlichen Teil der Insel, in Larnaka landete mein Flugzeug. In der 50.000 Einwohner zählenden Stadt sollte ich die kommenden elf Tage nächtigen.

Kaum gelandet, kamen zunächst Beruhigung und dann Stolz in mir auf: Ich war in der Europäischen Union – hier gab es keine Todesstrafe, und bekam ich keine großen Schwierigkeiten, sollte ich meinen Reisepass verlieren. Zudem hatte ich als einziger EU-Bürger im Flugzeug das enorme Privileg, bei den Passkontrollen an einem gesonderten Schalter freundlich abgefertigt zu werden.

Ich war stolzer Bewohner der Puschkin-Straße…

Ich kam in einer einfachen Pension unter, in der man sich Badezimmer und Küche mit anderen Urlaubern teilte – mit ein wenig zu vielen Haaren im Bad, einer ein wenig zu schlecht ausgestatteten Küche, doch dafür mit einem eigenen Zimmer.

Der wunderbare Blick aus meinem Fenster

In den nächsten Tagen verstärkte sich mein positiver erster Eindruck von Zypern mehr und mehr: Hier zeigte das Thermometer tagsüber bis zu 20 Grad an. Solche Temperaturen war ich in Russland gewohnt, wohlgemerkt allerdings mit einem Minus davor. Fast jeder Zyprer spricht gutes Englisch, ist äußerst freundlich. Kulinarisch tat es gut, einmal die schwere östliche Küche zu verlassen und mediterrane Spezialitäten wie Gyros, Calamares oder schlicht einen Salat (ohne Fleisch!) zu genießen. Und überhaupt: Mit dem Lebensgefühl auf Zypern konnte ich mich sehr gut anfreunden. Ich wollte so entspannt sein wie die Einheimischen. Es gab keine nutzlosen Sicherheitskontrollen mit unterbezahlten, genervten Mitarbeitern, sondern stattdessen freundliche Polizisten, die sich zusammen mit den Locals einen Kaffee gönnten.

 

Von Zen-Meistern und Trump-Fans

Ist man allein unterwegs, lernt man leichter Leute kennen. Mit diesen Menschen bespricht man bisweilen äußerst private Dinge, denn man weiß: Sie werde ich nie wieder sehen!

Unter meinen Bekanntschaften auf Zypern waren:

  • Ein amerikanisches Paar:

Wir lernten uns kennen, als wir Katzen am Hafen von Larnaka streichelten. Die Frau ist eine „Arbeitsnomadin“, die ihren Beruf über das Internet ausübt, aber nur etwa drei Monate an einem Ort lebt und dann weiterzieht. Ihr Mann begleitet sie dabei. Bisher lebten sie in Tschechien, Kroatien und nun auf Zypern. Sicher ein spannender, aber bisweilen auch schwieriger Lebensstil.

  • Marq:

    In der letzten geteilten Hauptstadt der Welt versucht man sich künstlerisch an einer Annäherung zwischen Nord und Süd.

Ein Finne, der als junger Mann nach Schweden auswanderte. Er lebte in einem der anderen Zimmer meiner Pension und möchte seine Rente auf Zypern verbringen.

Mit ihm verbrachte ich die meiste Zeit während meines Urlaubs. Wir spazierten, aßen und redeten über das Leben, Karriere, Politik, Reisen und vieles mehr. Wie ein Mentor, ein „Zen-Meister“ versuchte er mir die seine geballte Lebenserfahrung weiterzugeben. Einer seiner Lieblingssprüche war: „Relax, take it easy.“ Die Ablehnung an einer Uni? Nicht so schlimm. Das Ende der Beziehung? Nicht der Weltuntergang. Betrachtet man solche Geschehnisse mit etwas Abstand, begriff ich, sind sie tatsächlich nicht so gravierend.

Außerdem mieteten wir zusammen ein Auto und fuhren in die Hauptstadt Nikosia, Limassol und auf den höchsten Berg Zyperns, den Olymp. Dabei musste ich mich der Herausforderung stellen, auf der linken Straßenseite zu fahren. Am Anfang war es eine Konzentrationsübung der besonders harten Art, doch ich gewöhnte mich überraschend schnell an die umkehrte Logik des Straßenverkehrs.

Diese Frau mit ihren angeleinten Vögeln ist in Larnaka stadtbekannt.
  • Ola (sprich: Ula):

Ein Schwede, der in seiner Heimat erfolgreich Magazine herausgegeben und Apps für Flüchtlinge promotet hat und nun seine Fünfziger entspannt auf Zypern bei zwei Stunden Internet-Arbeit pro Tag verbringt.

Einmal war sein Sohn Ludwig samt Freunden zu Besuch. Wir genossen nachts auf Olas Balkon die Aussicht auf Larnaka und philosophierten über die unglaubliche Ungerechtigkeit auf der Welt. Ich berichtete, wie ich mich ein bisschen schuldig fühle, da ich in Russland auf der Straße jeden Tag die Armut von hart arbeitenden Menschen sehe. Andererseits habe ich, ohne auch nur einmal in meinem Leben richtig geschuftet zu haben, keine Geldsorgen und gute Zukunftsperspektiven. Dann ist meine Lebenserwartung noch gute 25 Jahre über der von russischen Männern… Darauf fragte mich der Philosophiestudent Ludwig, ob Schuld im Angesicht der Armut eine gute Motivation sei. Ich verstand: Nein, ist sie nicht. Schuldgefühle führen zu gar nichts, damit helfe ich niemandem. Die Motivation sollte eher aktiv sein, ich sollte Armutsbekämpfung unterstützen.

  • Amir und Bishoy:
Meine neue Freunde aus Ägypten

Junge Männer aus Ägypten, die auf Urlaub in Zypern und damit zum ersten Mal in der EU weilten. Die beiden erzählten von den strengen gesellschaftlichen Regeln in ihrer Heimat: Männer und Frauen dürften sich in der Öffentlichkeit nicht küssen. Nicht einmal Händchen halten sei erlaubt, selbst wenn man verheiratet ist. Sogar hinter verschlossenen Türen dürfe zwischen unverheirateten Menschen gar nichts passieren. Das ist wirklich unvorstellbar. Die Jungs sind doch in meinem Alter. Wir schauen ähnliche Filme, haben ähnliche Träume, doch die beiden haben – im Gegensatz zu mir – noch nie in ihrem Leben ein Mädchen nur auf die Backe geküsst.

Überraschend war für mich, dass Amir und Bishoy Fans des US-Präsidenten Trump sind. „Weil er weiß, wie Muslime sind und mit ihnen hart umgeht.“ Bei einem solchen Satz musste ich erst einmal schlucken. Doch dann verstand ich die Bewunderung der beiden für den Populisten besser: Sie berichteten mir von der Benachteiligung von Christen im öffentlichen Leben des vorwiegend muslimischen Ägyptens. Bishoy etwa verlor letztlich seinen Job, weil sein Arbeitgeber herausfand, dass er Christ ist. Hinzu kämen tägliche kleine Schikanen der koptischen Christen durch muslimische Mitbürger. So begriff ich: Ich als privilegiertes Mittelschichtskind aus Mitteleuropa kann leicht liberale Werte beschwören, doch wäre ich in einem solchen Umfeld der Konflikte, des Misstrauens und gar des Hasses aufgewachsen, wäre ich wohl auch auf Muslime nicht gut zu sprechen.

Larnaka Beach – ein wahres Paradies
  • Ein Museumsmitarbeiter:

Arbeitet am Eingang des Larnakaer Museums, in dem man 3000 Jahre alte Tempelruinen besichtigen kann. Der ältere Mitarbeiter erzählte mir seine Familiengeschichte, wie er 1974 bei der türkischen Invasion im Norden Zyperns aus seinem Dorf in den Sünden fliehen musste und wie jetzt ohne irgendwelche Kompensationen fremde Menschen in seinem früheren Haus leben. Des Weiteren brachte er mir näher, wie das winzige Zypern machtlos gegenüber Großmachtinteressen sei. Auch war der Mann voll des Lobes für Deutschland: „Unsere Politiker sind korrupt, wir haben keine Angela Merkel, wie ihr!“

An dieser Ausgrabungsstätte lernte ich den Mitarbeiter es Museums kennen
  • Zeugen Jehovas:

Sie sind an zyprischen Stränden gut vertreten. Man schätzt wohl, dass sich Menschen in alkoholisierter Urlaubsstimmung leichter bequatschen lassen. Marq und ich sprachen einmal mit zwei Russinnen, die die Zeugen vor Ort vertraten. Genug Arbeit haben sie, ist Zypern doch ein überaus beliebtes Reiseziel von Russen. Marq hielt den Zeugen ihre zugegebenermaßen merkwürdige Ansicht vor Augen, dass insgesamt nur 144.000 Menschen nach ihrem Tod in den Himmel kämen. Ich übersetzte. Das Gespräch führte wie erwartet zu keinen fruchtbaren Ergebnissen.

  • Grenadine:

Mit der berenteten, aber geistig topfitten Engländerin kam ich im Café „Da Vinchi“ in Larnaka ins Gespräch. Sie hatte Sozialpolitik studiert und für die britische Labor-Party gearbeitet. Die Dame versprach mir, für ein Glas Wein all ihre Tipps für eine tolle Karriere in der Politik zu verraten. Ich schlug ein. Die Ratschläge werde ich natürlich an dieser Stelle nicht verraten, doch so viel sei gesagt: in der Tat hatte Grenadine viele nützliche Tipps auf Lager. Es kann also gut sein, dass ihr mich demnächst auf einem hoch dotierten EU-Posten finden werdet…

Limassol ist bekannt für seine zahlreichen russischen Touristen.
Zypern hat an seinem höchsten Punkt auch Schnee und Berge zu bieten.
Grenadine und Marq

Zum Schluss

Ja, da waren unglaublich bereichernde Begegnungen dabei. Letztlich fühlte ich mich so wohl in Zypern, dass ich gar keinen Grund sah, in die Russische Föderation zurückzukehren. Es machte sich in mir die Befürchtung breit, dass es mir in Russland gar nicht mehr gefallen würde und ich mich das kommende halbe Jahr nur noch mit Mühe durchschleppen würde.

Doch am Ende kam es nicht so: Zurück in Voronež machte ich mich daran intensiv Russisch zu lernen, lernte sehr nette Leute kennen und gewann bei einem Wettbewerb der besonderen Art den ersten Preis. Von letzterem Konkurs wird der nächste Artikel handeln.

Der erste Moscheebesuch meines Lebens – sehr beeindruckend
Ein Friedensprojekt aus Wolle im türkischen Teil Nikosias
Sea You Soon! Das trifft definitiv auf Zypern und mich zu, denn die Insel gefiel mir sehr gut!

2 thoughts on “Der warme Süden ruft…

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