„Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was verzählen.“

 

Dass dieser vielzitierte Satz aus Matthias Claudius‘ Werk „Gedichte – Urians Reise um die Welt“ wahr ist, sollten schon meine zahlreichen Blogeinträge aus Ungarn und Russland beweisen. Heute soll es um eine spezielle Art der Reise gehen, die Taxifahrt. Welche Kuriositäten und Überraschungen hiervon zu berichten sind, könnt ihr im Folgenden lesen.

In Deutschland nehme ich das Taxi nur im absoluten Notfall. Einmal etwa, als ich schnell vom Münchner Hauptbahnhof zum fast nebenan gelegenen Busbahnhof musste, um meinen Fernbus nicht zu verpassen. Für die Fahrt von zwei Minuten stieg das gnadenlose Taximeter auf einen Preis an, der mir die Nackenhaare zu Berge stehen ließ: Knapp zehn Euro.

So oder so ähnlich sieht ein typisches Taxi in Russland aus
So oder so ähnlich sieht ein typisches Taxi in Russland aus

In Voronež wiederum ist es glücklicherweise für mich als „reichen Deutschen“ finanziell und praktisch überhaupt kein Problem, sich mit dem Taxi kutschieren zu lassen. Mit der App „Rutaxi“ gebe ich Abfahrts- und Ankunftsort ein. Dann wird mir der Preis angezeigt, zum Beispiel etwa zwei Euro für die Fahrt von acht Kilometern von meinem Zuhause im Norden Voronežs ins Zentrum. Im nächsten Schritt bekomme ich einen Anruf, bei dem mir auf Russisch Marke, Kennzeichen und Ankunftszeit des Wagens mitgeteilt wird. Es folgt ein zweiter Anruf, sobald das Auto vor dem Haus wartet.

Wenn man in das Taxi steigt und sich anschnallen möchte, erfährt man meistens einen leisen bis lautstarken Widerspruch des Fahrers. „Du musst dich nicht anschnallen.“ Ich habe mir sagen lassen, dass Russen zum einen „cool“ sein möchten, indem sie sich nicht anschnallen. Zum anderen bedeutet die Benutzung des  Anschnallgurt, dass man dem Fahrer nicht vertraut. Trotz aller von mir proklamierter interkultureller Kompetenz, konnte mich bisher noch Fahrer dazu überreden, mein Leben in dem ohnehin schon gefährlichen Verkehr einmal mehr aufs Spiel zu setzen.

Verkehrte Welt

Manche der fast ausschließlich männlichen Fahrer sind stumm, andere eher gesprächig. Einmal war ich auf dem Weg ins Kino „Spartak“. Der Chauffeur war ein junger, cooler Typ, ein bisschen älter als ich. Die sich stauenden Automobile bewegten sich äußerst langsam auf der breiten, schnurgeraden Straße fort. Durch die Verzögerung kamen wir ins Gespräch.

Abendliche Verkehrsromantik in Voronež
Abendliche Verkehrsromantik in Voronež

Es war für den Fahrer wichtig, herauszufinden, was ich von Russland hielte. Ich erzählte, dass mich die Kultur, Geschichte und Literatur des Landes unglaublich fasziniert. Ich schätze russische Gastfreundlichkeit und die vielen Überraschungen, die mir jeden Tag begegnen, sagte ich ihm. Er entgegnete, das Leben hier sei sehr hart. „Ich fahre fast jeden Tag von morgens bis nachts und komme kaum über die Runden.“

Am Schluss wollte ich wie üblich zahlen. Doch dann passierte etwas Überraschendes: Er schenkte mir die Fahrt und ließ keinen Widerspruch zu. Ich solle schließlich einen positiven Eindruck von Russland haben. Was für eine verkehrte Welt. Der arme Taxifahrer gibt dem „reichen Deutschen“ seine Dienstleistung gratis. Diese Selbstlosigkeit rührte mich sehr und stimmte mich nachdenklich. Um mich zumindest im Ansatz zu revanchieren, fügte ich ihn auf VKontakte, dem russischen Facebook, als Freund hinzu.

 

„Komm her, du Faschist“

Manchmal komme ich mir als Deutscher in Russland ruhig, distanziert und formal vor. Im Gegensatz dazu kam mein enthusiastischer, etwa vierzigjähriger Fahrer bei einer anderen Fahrt richtig in Rage, als er hörte, dass ich aus Deutschland komme. Es sei ihm auch egal, ob ich ein Nazi oder ähnliches sei – denn alle Länder sollten miteinander befreundet sein.

Der pausbäckige Mann mit Bierbauch und Halbglatze hätte fünf Jahre in Halle, Sachsen-Anhalt, gelebt, offenbar bei der Armee gedient. Er fand Halle, Bernau in Brandenburg und Berlin wunderschön; er liebt deutsche Würstchen und weiß nicht, warum es diese nicht in Russland gibt.

Von einem Kartoffelsalat mit echten Wiener Würstchen träume ich, wenn mir russische Würstchen vorgesetzt werden.
Von einem Kartoffelsalat mit echten Wiener Würstchen träume ich, wenn mir russische Würstchen vorgesetzt werden.                  Quelle: von 3268zauber (Eigenes Werk)

An dieser Stelle möchte ich mir einen kleinen Exkurs erlauben. Deutsche Wurst? Das fand ich lange nichts Besonderes – bis ich im Ausland lebte. Die meisten Würstchen hier in Russland, obwohl äußerlich Wienern ziemlich ähnlich, schmecken wie eine Mischung aus Plastik, Nichts und leidenden Tieren. So konnte ich die Aussage des Fahrers durchaus nachvollziehen.

Mein Lenker ist ein großer Hundefreund, erzählt er mir. Einmal hatte er einen deutschen Schäferhund, den er „Groß“ nannte. Manchmal aber, wenn der Vierbeiner seinem Herrchen nicht gehorchte, rief letzterer ihn zur Ordnung: „Faschist, komm her!“

Solche Dinge können also in Voronežer Taxis passieren. Mithin ist eine Taxifahrt hier nicht nur günstig und praktisch, sondern kann auch eine tolle Chance sein, mehr über die Einheimischen und ihre Weltsichten zu erfahren.

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