Heiraten deutsche Männer Ausländerinnen, sind dies laut des Statistischen Bundesamtes am dritthäufigsten Russinnen.* Anlass genug, in einer Komödie interkulturelle Missverständnisse humorvoll auf die Spitze zu treiben – dachte ich und ging neulich ins Kino in „Жених. У моей жены есть жених…“ („Bräutigam. Meine Frau hat einen Bräutigam…“). Doch was ich dort sah, überraschte mich umso mehr: Es geht im Film vielmehr darum, sich von handysüchtigen, aggressiven, nicht kultivierten Deutschen abzugrenzen.

Der Sonnenuntergang ist schön - doch in der Marschrutka ist es eng und stickig.
Der Sonnenuntergang ist schön – doch in der Marschrutka ist es eng und stickig.

Ich fahre mit der Marschrutka ins Zentrum Voronežs. Im Van riecht es nach kaltem Rauch, hier drängen sich die Menschen eng aneinander, die Scheiben sind beschlagen. Draußen schmiegt sich die Dunkelheit langsam an die Stadt. So ist es für mich umso schwieriger, die Umrisse der vorbeisausenden Gebäude zu erkennen, sodass ich den Fahrer rechtzeitig über meinen Ausstiegswunsch informieren kann.

Durch eine Drehtür, die sich um einiges schneller dreht als die Tür in der neuen Freiburger Universitätsbibliothek, betrete ich das Einkaufszentrum „Galereja Čižova“ – einen riesigen Shoppingtempel, nicht der einzige in Voronež. Auf fünf Stockwerken gibt es Kleidung, Schuhe, Bücher, Restaurants, Cafés und vieles mehr. Mir scheint, dass die Menschen mit der sowjetischen Mangelwirtschaft in den Knochen im Vergleich zum Westen einen Nachholbedarf im Konsum haben. Ein weiterer Grund für die Existenz solcher Malls ist wohl der berühmt-berüchtigte russisch Winter, der nicht gerade zu einem gemütlichen Stadtbummel einlädt.

In russischen Gebäuden werden übrigens die Stockwerke so gezählt, dass das Erdgeschoss als erstes Geschoss bezeichnet wird. Gut, das weiß ich mittlerweile. Der Aufzug will mich trotzdem nicht ins vierte OG fahren, von dem ich ins fünfte zum Kino laufen kann. Man kann drücken, wie man will, höher als Etage zwei will er heute nicht. Vielleicht hat sich der Lift der Aufgabe angenommen, Menschen davor zu bewahren, im vierten Stock ungesund bei McDonald’s, KFC und Co. zu speisen.

Unendliche Shoppingweiten in der "Galereja Čužova"
Unendliche Shoppingweiten in der „Galereja Čižova“

Die Rolltreppen funktionieren glücklicherweise. So gelange ich zum Kino mit dem einfallslosen Namen „Cinema Park“. Hier treffe ich meine russische Bekannte und kaufe das für mich bei Kinobesuchen obligatorische süße Popcorn mit der ungesunden Cola.

Kommt ein Deutscher am neunten Mai nach Russland…

Darum geht es: Der deutsche Helmut (Philippe Reinhardt) fliegt am 9. Mai, dem Tag des Sieges Russlands über Nazideutschland, nach Russland. Hier will er sich mit der russischen Schönheit Aljona (Svetlana Smirnova-Marcinkevič) verloben, die er in Berlin kennen lernte. Das Paar fährt zum Dorf, dass sich Helmut mit Aljonas Verwandten bekannt machen kann. Allerdings ist dort auch Aljonas Ex-Mann Tolja (Sergei Svetlakov), der seine Frau zurückerobern will. Die Rivalität zwischen Freund und Ex-Mann steht im Zentrum des Films. Umrahmt wird die Haupthandlung von kleinen lustigen Geschichten der Dorfbewohner und Feierlichkeiten zum Tag des Sieges. Zwischendurch wird der diamantbesetzte, in einem Tomaten-Mozarella-Spieß versteckte Verlobungsring von Aljonas Mutter (Ol’ga Kartunkova) aus Versehen verspeist. Nach langem Hin und Her entscheidet sich Aljona für Tolja, den sie im Gegensatz zu Helmut wirklich liebt.

Der reiche Deutsche, der wilde Russe

Helmut wird vom Schweizer Philippe Reinhardt gespielt. Der Zürcher spielte bereits 2014 im russischen 3D-Epos „Stalingrad“ eine Schlüsselrolle. Offenbar gewöhnte sich Reinhardt als geübter Schauspieler und Einwohner von Berlin seinen Schweizer Akzent ab, Russisch spricht er aber (zumindest im Film) mit deutschem Akzent. Oft blickt er verwirrt, wenn er nicht versteht, was um ihn herum im russischen Umfeld passiert. Diese Verwirrung konnte er überzeugend vermitteln – dabei identifiziere ich mich mit Helmut oft, verstehe doch auch ich vieles nicht, was sich so in Voronež abspielt.

Ansonsten wird Helmut negativ dargestellt: Er scheint smartphone-abhängig zu sein, filmt er doch jede noch so unwichtige Kleinigkeit und diktiert seinem Handy eine Art Tagebuch. Er prahlt damit, dass man auf deutschen Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren darf. Sein russisches Gegenüber entgegnet, dass könne man in Russland auch, solange man sich nicht erwischen lässt. Der Deutsche trägt einen teuren Anzug und gegelte Haare, scheint also wohlhabend zu sein. Außer dass er Aljona begehrt, glänzt er nicht mit charakterlicher Tiefe. Laut Aljona ist er auch hübsch, aber sie liebt ihn nicht.

Andererseits wird der Russe Tolja folgendermaßen präsentiert: Er ist ein Tollpatsch, ein Trinker, bisweilen untreu, aber lustig und mit „Seele“: Bspw. betritt Aljona einen Raum, in dem Tolja zu einer Ikone betet, dass Aljona ihn zurücknehme. Erst ist sie begeistert, bis sie herausfindet, dass er die Situation inszeniert hat, um ihr zu gefallen.

Somit werden im Film klassische Stereotype bedient: Der reiche, aber glatte und unbeholfene Deutsche einerseits, andererseits der wilde, lustige Russe. Doch welche Funktion erfüllen diese Vorurteile?

Ein Film für die Nation

Im Film handeln die Russen aktiv, während der Deutsche sich schon aufgrund von mangelnden Kenntnissen der russischen Sprache und Kultur passiv verhält. Politisch assimiliert sich Helmut an Russland: Nachdem er von Tolja abgefüllt und an eine Bushaltestelle abgeliefert wurde, will der wieder den Weg zurück zu Aljona finden. Dabei kommt ihm ein Panzer entgegen. Der erschrockene Berliner versichert dem Panzerfahrer, dass er vollkommen auf der russischen Seite sei. Die Krim gehöre auch rechtmäßig zu Russland. Wenn das selbst der Deutsche zugibt, muss es ja stimmen.

„Helmut“ wird auf Russisch wie „Gelmut“ ausgesprochen. Schon im Kino fällt mir auf, dass dieser Name für einen jungen Mann wie Helmuts Charakter im Film extrem selten ist. Die Statistik gibt mir Recht: Seit den 1970ern ist Helmut völlig aus der Mode gekommen. Schon in der Namensgebung zeigt sich also, dass kein zeitgemäßes Deutschlandbild vermittelt wird, sondern eines aus den Zeiten, als „Helmut“ ein populärer Name war: Besonders während des 2. Weltkriegs.** Weiterhin besteht eine Deutungsmöglichkeit der Namensherkunft in den altdeutschen Worten hiltja muot (Kampfgesinnung). Offenbar befindet sich Russland in einem Kampf mit Deutschland, wobei der Deutsche der Aggressor ist, hat er doch eine Kampfgesinnung.

So ergibt es Sinn, dass der Film am Siegestag spielt. Auf diesen Kontext wird gefühlt alle fünf Minuten angespielt. Der Deutsche am Siegestag in Russland – Haha! Doch der Kampf ist heutzutage nicht militärischer Art, sondern dreht sich um Aljona: Tolja ist auf dem Filmplakat abgebildet und bedauert, dass seine (!) Frau einen Bräutigam hat. Offenbar gibt es, obwohl die beiden geschieden sind, eine Art Besitzverhältnis zwischen Tolja und Aljona, als habe er als ihr russischer Landsmann hat einen Anspruch auf sie. Der deutsche Bräutigam jedoch hat sie ihm geraubt, der Russe muss sie zurückgewinnen. Letzteres geschieht folgerichtig und stellt am Siegestag einen neuerlichen Sieg über Deutschland dar.

Russische Föderation
Abgrenzung vom „Anderen“ ist eine einfache Antwort auf eine komplizierte Welt.

An dieser Stelle sollte man wieder einmal den Kulturwissenschaftler Boris Groys verweisen, der davon ausgeht, dass Russland in einem Oppositionsverhältnis zum Westen, dass als das Gegenstück, das „Andere“ des Westens sieht.**  Auch im Film sind Tolja und Helmut unvereinbare Gegensätze, das jeweils „Andere“, wobei der Russe dabei die Rolle des  „Guten“, der Deutsche die Rolle des „Bösen“ spielt. Den russischen Zuschauern soll in dieser Welt voller Widersprüche als Identitätsbildung vor allem durch Abgrenzung vermittelt werden: Ihr habt zwar eure Macken, letztlich seid dennoch ihr die besseren Menschen, versteht Frauen, steht politisch auf der richtigen Seite. Die anderen sind aggressiv, es gibt einen Kampf, am Ende seid ihr aber die Gewinner. Der Westen mag zwar technisch höher entwickelt (sprich reicher) sein, aber gerade diese Technik verdirbt ihn, denn Helmut kommt kaum mehr von seinem Handy los.

Fazit

Es ist möglich, dass ich den Film falsch verstanden habe. Auf der sprachlichen Ebene konnte ich natürlich nicht jedes russische umgangssprachliche Idiom nachvollziehen. Weiterhin könnten die Aussagen dieser Komödie vollkommen (selbst)ironisch gemeint sein. Bisweilen wirkt der Film tatsächlich grotesk, etwa, dass erwachsene Männer zum Siegestag mit kleinen Panzern herumfahren. Ist das eine versteckte Kritik an der (übertriebenen?) Feierkultur am neunten Mai? Vielleicht traue ich auch dem gemeinen russischen Zuschauer zu wenig zu – kann es sein, dass er das Präsentierte nicht nur konsumiert, sondern kritisch hinterfragt?

Letztlich wurde meine Erwartung nicht erfüllt: Ich nahm an, dass eine ironische Problematisierung deutsch-russischer Liebesbeziehungen stattfinden würde. Der Film wird in der Tat die Dekonstruktion von Stereotypen über Russland und Deutschland nicht fördern, sondern, im Gegenteil, verstärken. Verständnis und Frieden wird er im angespannten Verhältnis zwischen der Russländischen Föderation und der Europäischen Union nicht stiften.

Selbstverständlich ist auch die deutsche Fernsehlandschaft nicht unschuldig darin, gesellschaftlichen Unfrieden zu stiften: Ein Beispiel wären etwa die vielen Nachmittagssendungen auf Privatsendern, in denen Arbeitslose als faul und dumm präsentiert werden, unter ihnen auch viele mit slavischem Akzent. Andererseits gibt es auch Serien wie bspw. „Türkisch für Anfänger“, in denen die multikulturelle Gesellschaft geistreich ironisiert wird.

Es ist für die Akteure der Filmindustrie einfacher, „leichte“ Kost mit klassischen Rollen aller Art massenweise zu vermarkten und damit Gewinne einzufahren als qualitative Werke an den Mann zu bringen. Doch genau letzteres sollte das Ziel sein: Filme und Serien zu produzieren, die ungewöhnliche, gemeinen Stereotypen nicht entsprechenden Charaktere enthalten und einen gewissen Bildungsanspruch wahren, denn:

„Filmemacher sollten bedenken, dass man ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts all ihre Filme wieder vorspielen wird.“

Charlie Chaplin****


 

* Vgl. Peters, Freia (2015): Warum binationale Ehen viel häufiger zerbrechen. Online verfügbar unter https://www.welt.de/politik/deutschland/article137596968/Warum-binationale-Ehen-viel-haeufiger-zerbrechen.html. Zuletzt geprüft am 24.10.2016.

** Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut (Sorry, ich habe keine bessere Quelle gefunden.)

** Vgl. Groys, Boris (1995): Die Erfindung Rußlands. München; Wien: Carl Hanser, S. 8.

**** http://zitate.net/filmemacher-zitate

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