Neue Wohnung, neue Stadt, neues Land – der Wohnortwechsel von Freiburg nach Voronež barg viele Überraschungen: Sei es eine Universität, an der selbst leitende Mitarbeiter nicht genau wissen, wo genau im Internet detaillierte Informationen zu den Kursen ihrer Fakultät zu finden sind, sei es eine Stadt, in der man aufgrund des aggressiven Verkehrs gefühlt in täglicher Lebensgefahr steckt. Was es noch alles fünfhundert Kilometer südlich von Moskau zu erleben gibt und wie man sich von diesem Kulturschock erholt, davon handelt der folgende Artikel.

„Wake Me Up When September Ends“ heißt eines meiner Lieblingslieder der US-amerikanischen Band Green Day. Nun ist der September auch in Russland vorbei und mein neuer Artikel erscheint. Warum die Funkstille? Im September schrieb ich an einer Hausarbeit über nachhaltige Entwicklung in Russland. Ich verglich die Strategien der Regierung, von Gazprom Neft und des WWF untereinander und interpretierte sie im Kontext von russischer Kultur.* Viel Arbeit – deshalb blieb leider keine Zeit mehr für den Blog. Andererseits ist es auch vorteilhaft, das Erlebte nicht direkt zu veröffentlichen – so bleibt mehr Zeit, um zu einem reflektierten Text zu kommen.

Ein guter Freund…

Olga, weniger formal Olja, heißt sie, mein sogenannter „Buddy“. Die Buddys der Uni Voronež sollen neu angekommenen ausländischen Studierenden dabei helfen, sich in Stadt und Uni zurecht zu finden und, wie der Name schon sagt, Freunde sein. Olja wartete auf mich am Bahnhof „Pridača“. Der Taxifahrer meinte, er könne uns den Preis jetzt noch nicht sagen. Das klang nach Abzocke, aber für Olja war es in Ordnung. Gut, dann vertraue ich der Einheimischen, dachte ich. Und am Ende war es tatsächlich okay, denn von mir unbemerkt hatte der Fahrer ein Taximeter angeschaltet. So fuhren wir die halbe Stunde von der einen Seite Voronežs über den Fluss bis zu meinem neuen Zuhause auf der anderen Seite für 560 Rubel, umgerechnet etwa 7,70€. Während der Fahrt musste ich etwas schlucken, das gebe ich zu. Das sah wirklich ganz anders als Moskau aus. Hilfe, wo ist ein Starbucks, wo ein KFC? Überall nur Kyrillisch. Viele Plattenbauten, wenig alte Gemäuer. Mich hier einzuleben wird bestimmt schwierig, grübelte ich.

Meine Nachbarschaft. Hier wirbt die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) um Stimmen für die Parlamentswahl: "Wir glauben nur der KPRF."
Meine Nachbarschaft. Hier wirbt die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) um Stimmen für die Parlamentswahl: „Wir glauben nur der KPRF.“

Meine Straße, die Ulica Lizjukova, hatte durch einen Zeichentrickfilm aus der Sowjetzeit russlandweite Bekanntheit erlangt. Die Umgebung ist aber, sagen wir, gewöhnungsbedürftig, laut Olja eine eher schlechte Wohngegend. Die Plattenbauten sind heruntergekommen, bei Regen bildet das Wasser große Pfützen auf der Straße, da es kein, wie man auf Neudeutsch sagt, Abwassermanagement gibt. Es liegt viel Müll herum – und das, obwohl gegenüber von meinem Haus sich eine Art Mülldeponie befindet, bei der ineffektiverweise und zu meinem Ungemach jeden Morgen lautstark der Abfall abgeholt wird.

Trautes Heim gesucht

Außenansicht meines Plattenbaus
Außenansicht meines sozialistischen Domizils

Auf geht’s in mein neues Zuhause! Vertraut aus Ungarn ist das Eingabefeld für Codes an der Tür meines Plattenbaus, durch das man sich Zugang verschaffen oder klingeln kann. Der Treppenaufgang ist in grün gehalten, es fehlen einige Kacheln in der Treppe, man sollte also seine Schritte vorsichtig wählen. Wieder Müll. Den Aufzug zu rufen ist für Außenstehende erst einmal schwierig, befindet sich der Knopf doch versteckt inmitten einer Taxiwerbung. Im Aufzug noch einmal Werbung, diesmal für die Kommunistische Partei. Obwohl der Lift nicht gerade sicher wirkt, werde ich ihn jeden Tag benutzen.

Musja versüßt einem angestrengten Studenten jeden harten Arbeitstag.
Tatjanas Katze Musja versüßt einem angestrengten Studenten jeden harten Arbeitstag.

Im fünften Stock erwartet mich Tatjana**, meine 61-jährige Gastmutter, die zusätzlich zu ihrer Arbeit in einer Fabrik gerne noch ausländische Studierende aufnimmt. Freundlich heißt sie mich willkommen, zeigt mir alles und wiederholt immer wieder: Всё будет хорошо – alles wird gut. Ebenso ist ihr sehr wichtig zu betonen, dass ich alles aus dem Kühlschrank mir nehmen darf. Das sagt sie mir mindestens einmal am Tag.

Mein Zimmer ist einfach, aber es gibt alles, was man braucht: Ein ausziehbares Sofa, das sich in ein großes Bett verwandeln lässt, einen Kleiderständer, einen kleinen Schrank, der durch einen großen außerhalb meines Zimmers ergänzt wird, einen Schreibtisch mit Aufklebern von Hardrock-Konzerten, (wahrscheinlich noch von Tatjanas Sohn Dimitrij, der in Moskau wohnt), einen Schreibtischstuhl ohne Lehne, und, ganz wichtig: WLAN. Aus dem Fenster wiederum sieht man weitere sozialistischen Domizile, Bäume und besagte Müllabladestation.

Anstrengende Formalitäten

In Russland muss man sich als Ausländer innerhalb von sieben Tag in einer Stadt anmelden. Geschieht dies nicht, ist mit Strafen zu rechnen. Da ich keine Lust darauf hatte, mein Auslandsjahr im Strafgefangenenlager in Sibirien zu verbringen, ging es also am nächsten Tag für meine Anmeldung zur Uni.

Doch dies war weniger leicht als gedacht. Olja wusste nicht, wo sich das Visa-Büro befand. Also fragten wir Mitarbeiter der Universität und Studenten danach. Auch sie wussten es nicht. Wie konnte es sein, dass Angestellte ihre eigene Uni nicht kennen? Irgendjemand konnte uns schließlich das richtige Gebäude zeigen. Dort mussten die Damen am Eingang genau wissen, mit wem sie es bei ihrem Besucher ohne Zugangskarte zu tun haben. Sie notierten in einer gefühlt ewigen Prozedur von meinem Ausweis alle möglichen Daten. Warum war dies nötig? Nach einem Fehlversuch fanden wir endlich das richtige Visa-Büro. Ich als effizienter Deutscher war trotzdem genervt.

Juhu, spielen wir mit Panzern

Immerhin kann man sich vom gefährlichen Verkehr durch "Tom & Jerry" ablenken lassen.
Immerhin kann man sich vom gefährlichen Verkehr durch „Tom & Jerry“ ablenken lassen.

An meinem ersten Samstag in Voronež war „Tag der Stadt“, das ich zusammen mit Olja und ihrer Freundin besuchte. Wir fuhren mit dem Bus für umgerechnet 20 Cent auf der langen und breiten Straße vom Norden Voronežs ins Zentrum. Doch sicher fühlte ich mich nicht, der Verkehr kam mir noch schlimmer als in Moskau vor: Es gibt zumeist keine Linien zwischen den Fahrbahnen, das heißt, es können während der Rush Hour auch fünf Autos nebeneinander auf einer Fahrbahn mit wenigen Zentimetern Abstand im Stau stecken. Zusätzlich zu den Bussen gibt es noch Sammeltaxis, sogenannte „Maršrutki“, die nur auf Wunsch halten. Diese haben es eilig, falls die Haltestelle mit anderen Verkehrsmitteln voll ist, halten sie bisweilen davor, dahinter oder in zweiter Reihe. Dann müssen die Passagiere auch mal auf die Fahrbahn rennen. Die Türen auf- und zuzumachen braucht Zeit, also kann es gut sein, dass ein Bus oder eine Maršrutka mit noch offener Türe losfährt. Zugespitzt gesagt: Im Vergleich hiermit ist eine deutsche Autobahn ein Spaziergang.

Ein Park im Zentrum - am "Tag der Stadt" sehr voll.
Der Kol’covskij-Park war am „Tag der Stadt“ sehr voll.

Die Straßen im Zentrum waren an diesem Feiertag glücklicherweise für Autos gesperrt, dafür aber voll mit Menschen. Überall gab es Zuckerwatte und Musik. Ein solches Fest könnte es auf den ersten Blick auch in Deutschland geben. Doch dann fragte ich mich, warum ich auf der Straße keine Menschen mit Bier in der Hand sehe. Oljas Antwort: In Russland sei es verboten, auf der Straße zu trinken und an Feiertagen wie diesen sei der Alkoholverkauf in Supermärkten allgemein nicht erlaubt. Das würden sich Deutsche nicht gefallen lassen.

"Sanktionen? Unsere Antwort!"
„Sanktionen? Unsere Antwort!“

Außerdem fielen mir spezielle Magnete auf, die verkauft wurden: Auf einem war Russlands Präsident Putin abgebildet, der US-Präsident Obama blutig boxt. Darauf stand: „Sanktionen? Unsere Antwort!“ Und überhaupt: Putin. Er wurde auf den Magneten in den unterschiedlichsten Covern als Filmheld auserkoren. Weiterhin standen auf dem Hauptplatz Panzer, offenbar zur Einweihung. In den Panzern tobten kleine Jungs, die offensichtlich spielend lernten, wie spannend Krieg sein kann. Das wiederum brach mir als pazifistischem Deutschen das Herz.

Ein Hoch auf HisinOne

Kriegsspiele schon in jungem Alter - beim "Tag der Stadt" eine ganz normale Situation
Kriegsspiele schon in jungem Alter – beim „Tag der Stadt“ eine ganz normale Situation

Die Organisation der Uni empfand ich als Katastrophe – der „Sprachtest“ beim Chef des Instituts besteht darin, dass ich sagen sollte, wie lange ich schon Russisch lerne. Detaillierte Informationen zu den Kursen gäbe es online, wobei der Dozent auch nicht wisse, wo genau. Ich fand die Website dennoch irgendwie und reiche meine Wünsche schriftlich ein. Der Chef wollte mich zu immer mehr Veranstaltungen überreden – ob er mich dazu zwingen wird, manche Seminare zu belegen? Danach verging Tag um Tag und ich habe immer noch keinen Stundenplan.

In Freiburg war alles so leicht: Auf der Online-Plattform HisinOne kann man alle möglichen Kurse samt genauem Inhalt und Zeiten einsehen und dann die gewünschten Veranstaltungen definitiv wählen – fertig. Dabei scheint das Klagen mancher Freiburger Studierender, dass HisinOne bisweilen etwas langsam reagiert, aus meiner jetzigen Perspektive wie ein Luxusproblem verwöhnter Bürger der ersten Welt.

 

Interkulturelle Kompetenz gefragt

Mein Plan bestand darin, im ersten Semester hauptsächlich Sprachunterricht zu belegen, natürlich mit anderen Ausländern. Deshalb ging ich davon aus, wenig Möglichkeiten zu bekommen, russische Studierende kennen zu lernen. So hatte ich die begründete Befürchtung, dass ich in der „internationalen Blase“ aus Austauschstudierenden feststecken und nie der russischen Kultur wirklich näher kommen würde.

Kein Café im Umkreis von einem Kilometer in einem belebten Viertel? Diese Barbaren...
Kein Café im Umkreis von einem Kilometer in einem belebten Viertel, höchstens Fast Food? Diese Barbaren…

Selbst wenn ich dann Kontakt zu Russen hatte, erfuhr ich einige sprachliche und interkulturelle Missverständnisse. Zum Beispiel wusste ich nicht, wie ich einschätzen sollte, wenn ein Russe oder eine Russin sehr laut mit mir spricht. Auf mich wirkte das oft böse. Oder war sie einfach so leidenschaftlich von etwas begeistert? Dachte er, ich verstehe sein Russisch besser, wenn er laut spricht? Hatte es etwa gar nichts zu bedeuten? Zudem gab mir die Kälte, also das Verstecken von Emotionen, einiger neuer Kontakte ein Gefühl der Ablehnung.

Wenn schon die Kontaktaufnahme mit anderen Schwierigkeiten bereitete, wollte ich wenigstens einen entspannten Rückzugsort finden, ein schönes Café in der Nähe meiner Wohnung. Also spazierte ich frohen Mutes auf der Suche nach einem Кафе in meiner Nachbarschaft umher. Doch alles, was ich sah, waren Fast-Food-Ketten, darunter McDonald’s, Apotheken, Supermärkte, Sportwetten-Anbieter und Möbelgeschäfte. Wie konnte das sein? Was sind die Russen für Barbaren, dass sie nicht einmal eine Cafékultur etablieren konnten?

Wendepunkte

Hätte ich diesen Artikel vor vier Wochen veröffentlicht, hätte ich ihn vielleicht so geschlossen: Vieles in Voronež funktioniert anders, als ich es gewohnt bin. Es wird schwierig, mich an diese Umstände anzupassen. Ich weiß nicht, ob ich mich hier jemals „zu Hause“ fühlen werde.

Rückblickend kann man die Situation zum Glück mit klarerem Kopf beurteilen. Ich unterlag, das wird der eine oder die andere schon bemerkt haben, einem „Kulturschock“. Nach einer kurzen Phase der Begeisterung in Moskau erlebte ich eine Periode der Entfremdung von der neuen Umgebung, die ich durch meine sprachliche Unterlegenheit und kulturelle Unerfahrenheit nicht unter Kontrolle hatte und nach deutschen Maßstäben negativ beurteilte. Ich wollte zurück in mein schönes Freiburg im Breisgau, fürchtete die Einsamkeit und von den Einheimischen abgelehnt zu werden.***

Doch vieles wandte sich in den darauffolgenden Wochen zum Positiven:

Die Kurswahl an der Universität funktionierte, ich hatte anfangs nur noch nicht die Logik dahinter verstanden. Ich war davon ausgegangen, dass es (wie in Deutschland) feste Stundenpläne gibt, aus denen man Kurse wählen kann. Doch hier wird gemeinsam, im Kollektiv, entschieden. Ich bringe ein Anliegen gegenüber den Dozenten vor, dass ich diesen und jenen Kurs belegen möchte. Dann besprechen sich diese mit ihren Kollegen und meinen anderen Dozenten, wann und in welchem Format es möglich wäre. Letztlich geben sie mir Bescheid, wann der Kurs gehalten wird. Jetzt besuche ich zusätzlich zu den Russisch-Kursen noch „International Law“ und „Macroeconomics“ auf Englisch.

ch halte mich gerne auf dem zentralen Lenin-Platz auf - obwohl es hier keinerlei Sitzgelegenheiten gibt, lädt der Ort dazu ein, ausführlich über die Geschichte nachzudenken.
Ich halte mich gerne auf dem zentralen Lenin-Platz auf – obwohl es hier keinerlei Sitzgelegenheiten gibt, lädt der Ort dazu ein, ausführlich über die Geschichte nachzudenken.

Was den aggressiven Verkehr, den nahezu omnipräsenten Müll und die hässlichen Gebäude angeht, so war dies mein erster mit Deutschland vergleichender Eindruck. Mittlerweile habe ich mich sehr gut daran gewöhnt. Ja, die Autos fahren schnell, was gefährlicher ist und hupen oft, aber die Fahrer wurden in einem solchen Verkehr sozialisiert, wissen, wie sie mit welchen Situationen umgehen, dass es zu keinem Unfall kommt. Müll fällt mir jetzt kaum mehr auf. Wenn ich ein mit der Pinzette gezupftes, grünes Gras am Seitenstreifen einer perfekt geteerten Straße erwarte, hätte ich mein Auslandsjahr auch in der Schweiz machen können – dies wäre jedoch um einiges langweiliger. Auch der allmorgendliche Müllwagen stört mich nicht mehr, sondern sagt mir vielmehr, dass ich noch 40 Minuten zu schlafen habe.

Schon aus Ungarn weiß ich: Auch in äußerlich nicht sonderlich hübschen Plattenbauten kann man gut leben. Grundlegende Zutaten hierfür sind eine hilfsbereite Ersatzoma und eine streichelbare Katze. Zudem gibt es in Voronež doch viele schöne Plätze. Der Fluss mit der Insel in Bärenform, weshalb sie Bäreninsel genannt wird, ist beeindruckend breit und blau. Es gibt hier, im warmen Südwesten Russlands, zahlreiche Parks, in denen sich Spaziergänger, Joggerinnen und Sommer-Langläufer wohlfühlen. Auch einige orthodoxe Kirchen mit einem heilig anmutenden Geruch und alte Theater locken die Touristen ins Zentrum der Schwarzerde-Region mit einer Millionen Einwohnern.

Cafés konnte ich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, im Norden Voronežs, nicht entdecken. Doch im Zentrum befinden sich einige tolle, moderne Orte. Mein bisheriges Lieblingscafé ist das „Ptichka“, das in Holz gehalten ist und Tische zum Arbeiten und Fensterbänke mit Kissen zum Entspannen bereithält. Kaffees aller Art, ein paar Tees und süße Leckereien kann man zu vernünftigen Preisen erwerben. Wer mich in Voronež besucht, den werde ich definitiv zu seinem Glück zwingen, im „Ptichka“ verköstigt zu werden.

"Ein Himbeerbiskuit, bitte!" Im "Ptichka" kann man es sich wahrlich gut gehen lassen.
„Ein Himbeerbiskuit, bitte!“ Im „Ptichka“ kann man es sich wahrlich gut gehen lassen.

Wieder einmal Exot

In den letzten Wochen konnte ich glücklicherweise viele russische und internationale Studenten kennen lernen. Hilfreich dabei war der „Buddy Club“ der Uni, der eine Willkommensparty organisierte. Da es in Voronež kaum Ausländer gibt, stand man hier als Exot voll im Mittelpunkt. Es schien, als wolle jeder mit mir befreundet sein. Diese Rolle des interessanten Exoten erinnerte mich an meine Zeit in Ungarn, als ich in der Kleinstadt Tata einer von nicht mehr als fünf Ausländern war.

Dies gab mir Sicherheit – wenn man allerdings einen Schritt weitergeht und nach dem ersten Kennenlernen richtige Gespräche führen will, sollte man dazu in der Lage sein, interkulturelle Kommunikation zu führen. Auch damit komme ich immer besser zurecht. Wenn man sich nicht zu viele Gedanken über Eigenheiten einiger Einheimischer macht, jede einzelne Überraschung nicht verallgemeinert und nicht nur von sich selbst eine Anpassung gegenüber Russen erwartet, sondern auch von seinem Gegenüber, kann interkulturelle Kommunikation gelingen. Dieses vorläufige Fazit mag banal klingen, steckt man jedoch in einer missverständlichen Situation, ist es oft nicht leicht, Gelassenheit zu wahren.

Bereit für positive Kulturschocks

Ich hoffe auf viele weitere schöne Momente für mein Jahr in Russland, wie dieses Feuerwerk am Ende des "Tages der Stadt".
Ich hoffe auf viele weitere schöne Momente für mein Jahr in Russland, wie dieses Feuerwerk am Ende des „Tages der Stadt“.

Insgesamt bot mein erster Monat September in Russland viele Überraschungen. Ehrlich gesagt, hatte ich angenommen, dass die Anpassung leichter verläuft, da ich ja schon durch ausführliche Lektüre der Kultur und Politik Russlands, die vielen Reisen und mein Jahr in Ungarn und ein erfahrener „Expat“ zu sein schien. Letztlich traf mich der negative Kulturschock aber auch nur kurzzeitig in voller Tragweite.

In Deutschland ist natürlich nicht alles besser als in Russland, auch wenn vor ein paar Absätzen der Eindruck entstanden haben könnte. Auch gibt es selbstverständlich nicht die russische Kultur, sondern jeder Mensch zeichnet sich durch kulturelle, soziale, biologische und weitere Faktoren bestimmte Multikollektivität, Multikulturalität und eine mehrfache Identität aus.**** Vielmehr vergleicht der Mensch gerne, wie ich schon in der politikwissenschaftliche Einführungsvorlesung lernen konnte. Dies kann alles von Zahnpasta-Sorten bis hin zu zwischenmenschlichem Umgang sein. Der Vergleich und das Denken in Kategorien ist leichter, als sich damit auseinanderzusetzen, worum es eigentlich bei einem Auslandsaufenthalt geht: Die Herausforderung, mit sich selbst und seiner Identität in einer neuen Umgebung umzugehen.

Die letzte Phase des Kulturschocks ist die, dass man sich allmählich „wie zu Hause“ fühlt. Diese Periode glaube ich, bald erreicht zu haben. Manch typisch russische Verhaltensweise habe ich schon übernommen, etwa tippe ich in Kurznachrichten immer öfters einen Smiley nur noch als „)“ ohne Doppelpunkt, das geht viel schneller.

Für positive Kulturschocks bin ich bereit, ob in der Universität, im Theater oder im Zug. Ich blicke positiv auf die nächsten Monate in Russland. Die ein oder anderen überraschenden oder sogar verstörenden Erfahrungen werden sich auf diesem Blog wiederfinden.


* Wer sich für das Thema interessiert, dem kann ich gerne meine Hausarbeit zukommen lassen.

** Der russische Name Татьяна wird wissenschaftlich als „Tat’jana“ transliteriert. Aufgrund der besseren Leserlichkeit verwende ich jedoch in diesem und zukünftigen Artikeln die Schreibweise „Tatjana“.

*** Vgl. http://www.world-unite.de/infos/auslandspraktikum-freiwilligenarbeit/kulturschock.html mit mehr Informationen zum Thema „Kulturschock“.

**** Vgl. Hoffman, Edwin (2015): Interkulturelle Gesprächsführung. Theorie und Praxis des TOPOI-Modells.Wiesbaden: Springer VS, S. 1.

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