Gute zwei Monate bin ich schon im Eötvös-Gymnasium in Tata tätig – Zeit, ein erstes Resümee über die Arbeit zu ziehen und euch einen kleinen Einblick in meinen Alltag zu geben, der eigentlich keiner ist.

Mein Tag beginnt um 6.30 oder 7.30 Uhr mit dem Aufstehen, je nachdem, ob ich zur ersten oder zur zweiten Stunde in den Unterricht kommen soll. Mein Frühstück gestaltet sich meist relativ spartanisch, d.h. ein paar Scheiben Knäckebrot mit Marmelade oder ein Müsli mit Apfel (fürs gute Gewissen).

Mein Schulweg dauert ca. 12 Minuten und führt mich am alten See entlang. Dennoch ist es ziemlich nervig, jeden Tag den Weg zweimal auf mich zu nehmen, da ich früher von der Pension nur zwei Minuten zu laufen hatte.

Im Gymnasium angekommen, treffe ich auf viele freundliche Gesichter, die mir einen guten Morgen wünschen. Der sog. „Deutsch-Stützpunkt“, das Lehrerzimmer aller Deutschlehrkräfte, ist im Erdgeschoss gelegen, hier treffe ich auf meine Kolleginnen und bisweilen auch Kollegen, deren Unterricht ich mitgestalte.

Meine alltäglichen Aufgaben sind die folgenden:

1)    Ich hospitiere in einer Klasse. Dabei bin ich als „lebendiges Wörterbuch“ und als Ansporn für die Schülerinnen und Schüler im Unterricht. Spontan kann es auch gut einmal passieren, dass ich einen Teil des Unterrichts übernehme oder als Muttersprachler eine Diskussion in der Klasse leite. Die Lernenden freuen sich immer, wenn ich ihren Unterricht besuche und fragen, wann ich das nächste Mal komme. Ich hätte nicht erwartet, nur mit meiner Anwesenheit doch so viel bewegen zu können.

2)    Ich spreche mit den Schülerinnen und Schülern in Kleingruppen über DSD (Deutsches Sprachdiplom)-Themen oder führe Diskussionen (z.B. Ich bin der Vater, sie sind die Kinder. Sie müssen mich davon überzeugen, dass sie Extremsport machen dürfen.) Sicherlich sind manche Themen interessanter und andere weniger. Beispielweise beim Thema „Bionahrung“ konnte ich den Lernenden kaum einen Satz entlocken.

Dennoch ist es erstens spannend mit Kindern aus einer anderen Kultur Dinge zu besprechen, die vielleicht in ihrem Land anders sind. Zweitens wird dadurch dem theoretischen Unterricht ein Stück weit Leben eingehaucht. Weil häufig jedes unbekannte deutsche Wort auf Ungarisch übersetzt wird, sind auf diese Weise die Schülerinnen und Schüler gezwungen, sich mit mir auf Deutsch zu unterhalten. Schließlich lachen wir auch viel gemeinsam, wenn z.B. ein Schülerin meint, sie wolle später einen reichen deutschen Mann heiraten.

3)    Ich zeige selbst kreierte Präsentationen z.B. über verschiedene deutsche Städte. Ich behaupte, dass es schon sinnvoll wäre zu wissen, dass es in Hamburg einen Hafen gibt oder Berlin durch eine Mauer geteilt wurde. Andere Alternative: Von mir vorbereiteter Unterricht, der sehr auf Kommunikation ausgelegt ist. So erfuhr ich einmal, wie autoverrückt meine Schüler sind. Sie beteten mir herunter, welche deutschen Automarken wo ihren Sitz haben und welches ihr Lieblingsmodell ist.

Hinzu kommt mein Ungarisch-Unterricht, der einmal in der Woche bei einer sehr netten Deutsch-, Englisch- und Ungarisch-Lehrerin stattfindet. Da ich zusammen mit dem amerikanischen Gastlehrer unterrichtet werde, ist die Unterrichtssprache Englisch. Dennoch kann man manche Dinge einfach besser auf Deutsch erklären, wie z.B. den Unterschied zwischen „du“ und „Sie“. Ungarisch ist, da muss ich ehrlich sein, schwierig zu lernen und auszusprechen. Meine Fortschritte im Sprechen sind eher mau, im Verstehen wachsen sie aber dank der ungarischen Umgebung täglich.

Einmalige Aktionen und Missstände

An einem Samstag war der sog. „Schülertag“ im Eötvös-Gymnasium. Dort hielt ich einen Vortrag darüber, wie es ist in Deutschland aufzuwachsen, mit eingebunden waren viele auch witzige Bilder aus meiner Kindheit. Die Präsentation wurde sehr gut angenommen und war nach Aussage meiner Schüler verständlich.

Weiterhin gab es den sog. „Lesefüchse“-Wettbewerb. Das ist ein Wettbewerb vieler Gymnasien in Ungarn, bei dem es darum geht, vier Jugendbücher zu lesen und schließlich darüber zu diskutieren. Meine Aufgabe war es, alle Bücher zu lesen und mich mit den betreffenden Schülerinnen und Schülern darüber in kleinen Gruppen zu unterhalten. Kürzlich fand dann die Schulausscheidung statt, bei der ich in der Jury saß. Eigentlich sollte ich auch zur Landesausscheidung nach Budapest mitgehen, aber leider ist sie während des Zwischenseminars.

Wie immer im Leben kann nicht alles perfekt sein, es gibt Probleme und Konflikte, wenn auch auf geringerem Level. Über das miserable Umzugsmanagement der Schulverwaltung habe ich mich schon ausführlich beklagt. Ansonsten wichtig zu erwähnen wären schlechte Absprachen bezüglich meiner Anwesenheit im Unterricht: Bisweilen braucht mich die Lehrkraft aufgrund einer Kontrollarbeit nicht, ich weiß aber nichts davon und habe letztlich eine Schulstunde Leerlauf. Ein anderer Fall, der allzu oft vorkommt, ist, dass ich nur kurz vor der Stunde das zu diskutierende Thema erfahre und sehr spontan sein muss.

Viele Studenten wären froh darüber, ich bin es aber nicht: Manchmal habe ich relativ wenig zu tun und verbringe meine Zeit lesend im Lehrerzimmer. Da es ganz und gar nicht mein Ziel ist in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr 365 Bücher zu lesen, werde ich zukünftig versuchen, durch gezielte Kommunikation meine Einbringung in den Unterricht zu verbessern.

„Strong Steven“, Blog schreiben und billige Hot-Dogs – alles, was das Leben schöner macht

In einer Freistunde oder nach dem Unterricht esse ich in der Schulkantine mein wohlverdientes herzhaftes Mittagessen. Viele meiner Deutsch-Kolleginnen haben mich davor gewarnt und meinten, das Essen sei ungenießbar. Mir hingegen schmeckt das Essen gut – das zeigt mal wieder, dass es immer sinnvoll ist, sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Sehr häufig treffe ich bei der werktäglichen Mahlzeit Andras, einen sympathischen Vollblut-Sportlehrer. Er verabreicht mir immer „Erös Pista“, auf Englisch „Strong Steven“, was eine Paste als Beigabe zum Essen ist und aus Paprika, Chilli und einigen weiteren scharfen Zutaten besteht. Ich werde „Strong Steven“ wohl auch zum Zwischenseminar als typisch ungarisches Essen mitnehmen, weil man mit ihm wirklich ALLES wohlschmeckend machen kann.*

Auch wenn ich das niemals erwartet hätte, ist „Strong Steven“ wohl das erste – abgesehen von einigen liebenswerten Menschen, was ich nach meinem FSJ von Ungarn vermissen werde. Ich werde gleich zehn oder mehr Gläser mit nach Deutschland bringen und euch alle probieren lassen – versprochen!

Je nach Wochentag geht es um 14 oder 15 Uhr wieder nach Hause. Nach einem kleinen Mittagsschlaf geht es darum, Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten, Dinge zu organisieren, Ungarisch zu lernen, einzukaufen, aufzuräumen oder zu putzen. Für Freizeitaktivitäten bleibt glücklicherweise ebenfalls genug Raum, dann lese ich, sehe mir Filme an, schreibe an diesem Blog, jogge (wenn ich mich dazu aufraffen kann) oder treffe mich mit anderen Freiwilligen oder befreundeten Lehrern.

Zum Abendessen gibt es wahlweise Knäckebrot mit Belag oder etwas Selbstgekochtes oder eine Tiefkühlpizza – jeweils mit Salat, wenn vorhanden. Wenn ich mir Fertiges zu essen kaufen möchte, muss ich auch nicht allzu tief in die Tasche greifen: Ein Hot-Dog beim Imbiss meines Vertrauens kostet gerade einmal 250 Forint (knappe 90ct).

Insgesamt zeigt sich, dass mein Alltag sehr abwechslungsreich ist und ich den wahren Alltag immer noch nicht gefunden haben, glücklicherweise. Ich bin froh, dass ich wenig am Schreibtisch sitzen muss und hauptsächlich in Kontakt mit Jugendlichen bin. Dies wird mir dank immer neuer Aufgaben und Herausforderungen nie langweilig, zumindest bisher.

Und weiter geht’s

* Damit will ich nicht behaupten, dass das Essen bei kulturweit nicht schmackhaft wäre. Das Gegenteil wurde uns Freiwilligen beim Vorbereitungsseminar zur Genüge bewiesen.

Bildquelle Erös Pista: http://www.flickr.com/photos/28419945@N00/298724244/sizes/z/in/photostream/

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