„Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung.“
von Laurence Sterne

 

Was war es schön, sich wieder in die deutsche Blase zu verziehen und „normales“ Deutsch zu sprechen. Passend zum o.g. Zitat ist die Rede vom „kulturweit“-Zwischenseminar in Transsilvanien, das wenn man die Anreise betrachtet turbulenter nicht hätte sein könnte – und trotzdem genügend Raum zum Verschnaufen bot.

Weitere Bilder folgen.

Mit dem Zug sollte es vom Bahnhof Budapest keleti pu. nach Brasov in Rumänien gehen. Der erste Blick auf den Schlafwagen verriet uns insgesamt acht Freiwilligen aus Ungarn und der Slowakei, dass hier wohl schon hunderttausende von Reisenden mehr oder weniger gemütlich die Nacht verbrachten. Im Vierer-Abteil angekommen war ich dennoch von der Größe überrascht; unser Abteil bot um einiges mehr Platz als ich es von meinen Über-Nacht-Trips nach Rom gewohnt war. Einziger Kunstfehler: Ein vergammelter Kaugummi an der Wand direkt dort, wo wenig später mein Kopf liegen sollte. Es gibt Schlimmeres.

Wir machten es uns gemütlich und der Zug fuhr wie gewohnt pünktlich um 22:30 ab. Die einen vertieften sich in ihren „Spiegel“, den ich glücklicherweise immer von der Schule mitnehmen kann, die anderen in tiefgreifende Gespräche. Der nächste Höhepunkt folgte kurz darauf. Ein Mitfreiwilliger wollte im Bordbistro Rauchen gehen. Ich wunderte mich, dass man dort überhaupt Rauchen darf. Doch ja, den Dampf konnte selbst ich mit meinem chronischen Dauerschnupfen riechen. Im Bistro herrschte eine merkwürdige Atmosphäre, heruntergekommene Schaffner waren am Dauerrauchen und ein betrunkener älterer Herr redete auf uns auf Rumänisch ein. Ich glaube, es wollte mit uns ein Bier trinken. Kaum hingesetzt kam auch schon der unfreundliche „Gastwirt“ an, der ebenfalls etwas von uns wollte. Die Schaffner gaben in einem überheblichen Ton zu verstehen, dass man hier nur, wenn man etwas bestellt, auch Rauchen darf. Immerhin fand die Geschichte ein versöhnliches Ende: Ein Feierabendbier pro Person für umgerechnet ca. einen Euro ist – meine ich – zu verkraften.

Die gewünschte Wirkung stellte sich ein und wir schliefen mit einigem Geruckel tief und fest. Gute Nacht! … Bis es nachts – mein Handy verriet mir, dass es ein Uhr war – an der Tür einmal klopfte. Okay, wir dachten uns nichts weiter dabei und waren im Begriff weiter zu schlafen, bis ein weiteres, deutlich aggressiveres Klopfen zu hören war. Leider konnten wir dieses nicht wie einen Wecker einfach für ein paar Sekunden ignorieren. Wir öffneten die Tür. „Passports, please.“, hörten wir von einem Mitarbeiter der Rendörség (Polizei in Ungarn). Mir schoss durch den Kopf: Ist Rumänien nicht in der EU? Was soll das, mitten in der Nacht? Pässe wurden gezeigt und Entspannung machte sich langsam wieder breit. Zu früh gefreut. Eine halbe Stunde später die gleiche Prozedur auf rumänischer Seite wieder. Wie konnte ich nur so vergesslich sein? Schengen macht wirklich bequem.

Der nächste Morgen startete mit einem Cappuccino und der Frage, wann wir denn endlich in Brasov, einer 300.000-Einwohner-Stadt in Rumänien ankämen. Verwirrung wurde durch die Zeitumstellung gestiftet, letztlich wurde uns am Brasover Bahnhof aber klar, dass unser Nachtzug anderthalb Stunden Verspätung hatte. Diese Tatsache brachte uns nicht weiter, den Anschluss nach Fagaras hatten wir nämlich schon verpasst. Also hieß es: Jörn, dem Leiter des Zwischenseminars, die schlechte Nachricht überbringen, dass wir zu spät in Fagaras ankommen würden; gleichzeitig mussten wir Zeit überbrücken, so stürzten sich die Internet-Süchtigen unter uns auf das freie WLAN eines Cafés.

Die Fahrt nach Fagaras verschärfte mein bisheriges Bild von Rumänien noch. Gut, der Brasover Bahnhof ist heruntergekommen und es lungern viele Menschen herum, aber war ich auf der weiteren Fahrt sah, verschlug mir zunächst die Sprache. Bahnhöfe wie Ruinen, Menschen, die auf Schienen auf den Zug warten, einfache Häuser mit Löchern in den Decken, waren zu entdecken. Das ganze ist immerhin von einer schönen Landschaft mit unberührter Natur, freilaufenden Kühen und Schafen und weitläufigen Hügeln umgeben. Musikalisch betrachtet fühlte ich mich dennoch heimisch, denn absolut coole Jugendliche spielten im Zug den Hit „Call me Maybe“ und gröhlten dazu.

Der Weg zum Seminarhaus, das neben einer alten Kirchenburg liegt, bestand größtenteils aus Schlaglöchern, Kurven und Schotter. Wir wurden ordentlich durchgeschüttelt. Seligstadt (rumänisch Selistat, ungarisch Boldogváros), der Seminarort, liegt in Siebenbürgen/Transsilvanien, also jenem Gebiet, das früher zu Ungarn gehörte und deshalb die Regierung Orban ebenso wie die rechtsradikalen Jobbik wieder „zurückhaben“ wollen (völkerrechtlich mehr als Schwachsinn, aber gut.) Das Dorf wird von sehr wenigen Menschen bewohnt, ich schätze um die 50-100. Dennoch gibt es in Seligstadt alles wichtige, von der Post bis hin zur Dorfkneipe. Die Abgeschiedenheit äußert sich auch darin, dass der Handyempfang gerade mal an einem Ort in der Umgebung unseres Seminarhauses einigermaßen funktionierte.Toll an dem Haus finde ich, dass dort das Allermeiste „natürlich“ produziert wird, d.h. die Milch kommt direkt von den Kühen, der Apfelsaft wird frisch gepresst ebenso wie das Brot frisch gebacken. Und das schmeckt man auch.

Austausch, Austausch und nochmals Austausch

In der Tat, Austausch, war ein Hauptziel unserer Arbeit während des Zwischenseminars. Wir besprachen unsere Situation im Lehrerkollegium, unsere Aufgaben, unsere Integration ins Gastland, unsere Gefühle im Ausland zu leben und so weiter. Genau das war aber richtig, einfach mal sich von der Seele zu reden, dazu Zeit zu haben und gleichzeitig noch „normalem“ Deutsch bzw. in meinem Fall Schwäbisch zu schwätzen. Jörn und Kathi, unsere Trainer, gestalteten das Seminar – und ich wurde nicht bezahlt – wirklich hervorragend. Sie ließen uns Freiwilligen genug Freiraum, das Seminar selbst zu gestalten und boten sich als hilfreiche Gesprächspartner und Problemlöser an.

Die zweite wichtige Angelegenheit waren unsere Projekte. Während die meisten beim Vorbereitungsseminar keinen Plan davon hatten, was sie als Projekt machen wollen, mussten wir jetzt konkrete Ideen vorlegen und uns letztlich für eine entscheiden. Ich werde jetzt, wie ich es schon länger geplant habe, einen Deutsch-Club in der Schule einführen, bei dem Fortgeschrittene die Möglichkeit haben, ihr Deutsch mittels Kommunikation zu verbessern. Dabei soll der Spaß natürlich auch nicht zu kurz kommen, Filme und Gesellschaftsspiele sollen ebenso an der Tagesordnung stehen wie Nachrichten oder Billard-Abende.

Der letzte Abend des Seminar sollte besonders werden. Wir kauften für 107 Lei (umgerechnet ca. 25€) Getränke und Knabberzeug für alle 22 Freiwilligen aus der Dorfkneipe ein. Die Gastwirte erweckten den Anschein, als wären sie nach unserem Einkauf die reichsten Männer der Welt. Da mag man zunächst darüber lachen, aber in dieser Situation war die eigentliche Armut Rumäniens hautnah erlebbar.

Die Freiwilligen aus allen drei beteiligten Länder boten typische Dinge aus ihrer neuen Heimat zur Schau. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Wettbewerb, den die slowakischen Freiwilligen veranstalteten, bei dem es um die Aussprache slowakischer Zungenbrecher ging. Wahnsinnig schwierig und urkomisch, das ist mein einziger Kommentar dazu. Ich selbst wollte meine Entdeckung, „Strong Steven“ bekannter machen (s. Wo bist du, Alltag?). Die scharfe Paste wurde (meistens) mit Begeisterung angenommen.

Insgesamt war es wirklich super, die anderen Freiwilligen wieder zu treffen und sich in der vieldiskutierten deutschen Blase auszutauschen, das Zwischenseminar hätte wirklich noch länger gehen können. Dennoch mussten alle wieder ihr Zeug zusammenpacken und mit dem Zug und Flugzeug in ihre Einsatzstellen ausschwärmen. Auf der Rückfahrt hatte der Nachtzug übrigens zwei Stunden Verspätung und der Kaugummi klebte immer noch an der Wand meines Bettes. Ganz ehrlich: Es gibt Schlimmeres.

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