Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das ist allgemein bekannt. Also starte ich die neue Serie „Bildergeschichte“: Ich lade ein Foto aus meiner Zeit in Russland Foto hoch und erzähle, welche spannenden politischen, geschichtlichen und kulturellen Aspekte in diesem Foto zu sehen sind. Los geht es mit einem Bild des Roten Platzes.

Nachts gefällt mir der Rote Platz besonders gut. Dann ist er nicht von selfie-geilen Touristen vollgestopft. Dann spürt man das Mysteriöse Russlands vollkommen.

Doch von vorn. Warum nennt man den Platz der Plätze eigentlich Roten Platz? Man kann nicht gerade behaupten, dass die vielen Steine, die den Platz einen Platz werden lassen, rot sind. Sie sind eher grau mit einem leichten rosafarbenen Touch. Gilt das in Russland etwa schon als „rot“?

Nein. Hier ist die Auflösung: Früher waren auf Russisch die Worte für „rot“ und „schön“ gleich, nämlich „krasnyj“. Die ursprüngliche Intention war lediglich, den Platz als „schön“ zu bezeichnen. Heute hingegen heißt schön auf Russisch „krasivyj“.

Doch der Platz mitsamt den Gebäuden, die ihn umrahmen, ist nicht nur schön, sondern erzählt auch sehr viel über das heutige Russland.

Arm und Reich

Links ist das Luxus-Einkaufszentrum „GUM“ zu sehen. Die meisten Menschen kommen nur hierher, um das Gebäude zu besichtigen oder die vergleichsweise günstige Mensa zu besuchen. Die Geschäfte sind so teuer, dass man selbst als „reicher Deutscher“ bei einem Blick auf die Preisliste mancher Geschäfte in Ohnmacht fällt.

Das GUM erzählt die Geschichte des Kapitalismus in Russland. Ruckartig in den 1990ern nach dem Zerfall der Sowjetunion eingeführt, hat er sehr wenigen einen extrem hohen Wohlstand beschert, die Masse jedoch lebt von Monatseinkommen zu Monatseinkommen oder muss noch neben der 100€-Rente schuften. Wie ich in einer Vorlesung an der Voronežer Fakultät für Internationale Beziehungen erfuhr, ist das Einkommen der reichsten zehn Prozent der Russischen Föderation 16-mal höher als das der ärmsten zehn Prozent.

Doch die Menschen geben nicht auf. Lernen Tag und Nacht für die Uni. Arbeiten hart. Züchten ihr eigenes Gemüse auf der Datsche. Werden kreativ und verwenden alle möglichen Gegenstände wieder. Und führen so ein hartes, aber erfülltes Leben.

Zu Gast bei den Rechtgläubigen

Wir lassen den Blick auf die Mitte des Bildes gleiten. Hier ist die berühmte Basilius-Kathedrale zu sehen, das Wahrzeichen Moskaus.

Die Kathedrale erzählt die Geschichte der Kirche in Russland. In der Sowjetunion unterdrückt, ist die orthodoxe Kirche für viele Russen heutzutage wichtiger denn je. Im Laufe meines Jahres in Russland wurde mir erst so richtig bewusst, was „orthodox“ bedeutet. Auf Russisch heißt orthodox „pravoslavnyj“, was „rechtgläubig“ meint; „recht“ im Sinne von „richtig“.

Hierzu eine kleine Geschichte: Als ich den Goldenen Ring um Moskau bereiste, kam ich auch nach Kostroma. Die Stadt stellte sich schnell als wenig sehenswert heraus. Doch, so hieß es, es gebe eine schöne Kirche. Also machten ich mich auf den Weg dorthin. Die Kirche war in Ordnung, mittlerweile hatte ich schon sehr viele orthodoxe Kirchen besichtigt und hatte langsam genug. Dann jedoch machte ich einen Fehler, betrat einen roten Teppich vor dem Altar, der eigentlich für den Priester vorgesehen war. Zwei Sekunden später kam ein Kirchenangehöriger daher geeilt und ermahnte mich. Schnell kam ein Gespräch zustande, selbstverständlich über Religion.

Irgendwann kamen wir zu der Frage, ob und inwieweit sich Religionsgemeinschaften reformieren sollen. Ich bejahte, er verneinte vehement. Wenn man die Wahrheit gefunden habe, könne sich nicht verändern, nur weil so etwas Unbedeutendes wie der Zeitgeist dies gebiete, sagte der Bärtige sinngemäß. Ich versuchte, einen Kompromiss zu finden, doch der sture Mann konnte keinen Millimeter von seiner Meinung abweichen.

Welch Irrsinn in diesen Worten steckt, machte mir meine russische Freundin Marina klar. Sie berichtete mir davon, dass man, der strengen Tradition folgend, in orthodoxen Gottesdiensten stundenlang stehen muss. Dass dies nicht nur schmerzt, sondern nicht gerade gesundheitsförderlich ist, scheint mir offensichtlich zu sein. Außerdem erzählte Marina von einer weiteren Eigenart der Rechtgläubigen: Die Menschen küssen Ikonen, die orthodoxen Heiligenbilder. Bei der hohen Anzahl an Gottesdienstbesuchern müsse man sich also ernsthafte Sorgen um die Hygiene machen.

„Wir hatten doch alles!“

Wir blicken nach rechts. Hier zeigen sich die hohen Mauern des Moskauer Kreml. Oben auf dem Turm prangt unverkennbar der sozialistische Stern. Ich habe mir sagen lassen, dass ein solcher Stern sechs Meter (!) lang ist. Wie kann das sein, dass in einem kapitalistischen Land ein Symbol des Kommunismus das Machtzentrum des Landes ziert? Hätte man solche Sterne nicht nach dem Ende der Sowjetunion entfernen müssen?

Hierzu eine kleine Geschichte aus der Zeit, als ich noch bei meiner Gastmutter Tatjana wohnte: Ich hatte schon viel gelesen über die Sowjetunion und deren politisches und wirtschaftliches System. Doch selbstverständlich wollte ich mir auch die persönliche Erfahrung jener Menschen anhören, die in der Sowjetunion groß geworden sind. Tatjana meinte, damals wäre das Leben leichter gewesen als heute. Die Menschen hätten ihre Wohnung vom Staat bekommen und mussten nicht darum bangen, jeden Monat die Miete zahlen zu können. Die Freiheit, seine politische Meinung zum Ausdruck zu bringen, sei damals wie heute nicht so wichtig, was können man als einfache Bürgerin denn schon ausrichten. Was die Lebensmittelknappheit angeht, widerspricht die 62-Jährige meinen Erkenntnissen: „Wir hatten damals alles, was wir brauchten, Würste zum Beispiel gab es im Überfluss!“

Tatjana ist kein Einzelfall. Viele Menschen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion empfinden (O)Nostalgie. Die roten Sterne am Kreml sind also kein Zufall, sondern Symptome jener Nostalgie. Dies mag zum einen am allgemeinen menschlichen Hang liegen, die Vergangenheit zu idealisieren, ganz im Sinne von „früher war alles besser“. Zum anderen las ich, dass die meisten Bürger der Sowjetunion trotz Armut und Repressalien begeistert waren von der Idee, Teil eines „größeren Ganzen“, der kommunistischen Bewegung mit ihren „neuen Menschen“ zu sein, die als Supermacht gefürchtet war und klare Normen und Werte vorgab.*

Wie viel doch in einem Foto steckt… Kapitalismus, Kirche und Kommunismus sind sicherlich die entscheidendsten drei „Ks“ des heutigen Russland.

 

 

* vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2014): Informationen zur politischen Bildung (Heft 322). Sowjetunion I: 1917-1953. Bonn, S. 4.

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