Dieser Blog hieß ursprünglich „Der Wilde Osten ruft“, doch nun wird er wohl in „Die Wilde Welt ruft“ oder ähnliches umbenannt. Nach dem Masterstudium zog es mich zum ersten Mal für mehr als nur eine kurze Reise auf einen anderen Kontinent. Während meines halben Jahres in Puebla, Mexiko, entdeckte ich neben allen kulturellen Unterschieden mit Europa auch erstaunliche Parallelen, besonders mit dem Leben in der russischen Provinz. In einer neuen Serie möchte ich mich vor allem jenen Gemeinsamkeiten widmen.

Wenn man nun Russland mit Mexiko gegenüberstellt, wäre das nicht ein Vergleich von Dill und Avocado, also den jeweiligen kulinarischen Allzweckwaffen? Patrioten und Essenzialisten jeglicher Couleur mögen in der Tat einwenden, dass jede Kultur ihre individuellen Eigenheiten hat, die sie von allen anderen abhebt. Postmoderne Denkerinnen könnten vorbringen, dass es eigentlich so etwas wie eine „Nationalkultur“ gar nicht gibt. Stattdessen werde Kultur auf vielen Ebenen sozial (oder auf sonst geartete Weise) konstruiert.

Es geht mir bei diesen Vergleichen nicht darum, das „Besondere“ der untersuchten Kulturen zu verschweigen. Genauso wenig möchte ich von „mexikanischer“, „russischer“, „deutscher“ Kultur als Monolithe schreiben.

Ich bin kein Ethnologe, kann mich aber gut mit der Vorgehensweise der „dichten Beschreibung“ nach dem Kulturwissenschaftler Clifford Gertz identifizieren, die in die Interpretation auch die Rolle des Interpretierenden miteinbezieht. Damit bin ich mir auch der historisch gewachsenen Identifizierungen Europas als das „Andere“ Russlands bzw. das „Andere“ der kolonialisierten Gebieten in Lateinamerika und anderswo bewusst. Ich als Europäer bin natürlich inmitten solcher Diskurse aufgewachsen und kann mich ihnen nicht vollkommen entziehen.

Vorher: Ich in der Lenin-treuen russischen Provinz

Im Übrigen ist dies auch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern es sind lediglich meine persönlichen Eindrücke aus spannenden Auslandsaufenthalten. Der Vergleich soll dabei nicht zur Reproduktion staubiger Stereotype über das „Andere“ dienen, sondern ich möchte vielmehr zeigen, dass es heutzutage doch mehr kulturelle Gemeinsamkeiten gibt, als gemeinhin angenommen wird. Man könnte es „Essenz des Mensch-seins“ nennen.

Es wird ein Dialog des Ichs sein, das 2016-17 in der russischen Provinz weilte, mit dem Ich, das bis vor kurzem noch in Mexiko war. Manchmal werden sich auch andere Ichs einschalten. Bei aller Bescheidenheit will ich jedenfalls nicht unerwähnt lassen, dass schon Platon seinen Lehrer Sokrates mit verschiedenen Persönlichkeiten in seinen Texten hat sprechen lassen – denn Dialog führt zu Erkenntnisgewinn.

In dieser Serie wird es also vergleichende Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen geben, wie etwa Wohnen, Verkehr und Beziehungen. Es unterhalten sich Лукас (Lukas), mein Zweitname auf Kyrillisch und Simóóóón, wie ich in Mexiko genannt wurde.

Nachher: Ich an einem Strand im Nationalpark Huatulco im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca

Lukas und Simon, wo wohnt ihr?

Лукас: Ich wohne in der Ulica Lizjukova im Norden der Stadt Voronež. Sie liegt 500 Kilometer südlich von Moskau. Ich verstehe nicht ganz, warum Voronež knapp eine Millionen Einwohner hat und trotzdem so provinziell ist…

Simón: Ich lebe in der Calle 47 Norte im Norden Pueblas, das wiederum 140 Kilometer südöstlich von Mexiko-Stadt liegt. Puebla gilt mit über 1,5 Millionen Menschen zwar nicht als provinziell, aber dennoch als konservativ. Ich habe gehört, dass es den Menschen hier schwer fällt, einen Tag ohne Tacos zu verbringen… und wie wohnt es sich in Russland, Lukas?

Graue russische Provinz.

Лукас: Ganz grau. Grau in grau in grau. Kälte. Langeweile pur.

Simón: Jetzt übertreibst du aber. Ich habe Fotos von Moskau gesehen. Da waren sehr interessante und farbige Gebäude dabei. Und Heizung wird es in Russland ja wohl geben!

Лукас: Ja, Moskau ist eben eine andere Welt… na ja, ich gebe zu, dass die Wohnungen in den grauen Betonklötzen aus der Era Chruščëv doch oft um einiges schöner sind als die Gebäude von außen. Ich wohnte zuerst mit einer Gastmutter, als ich 2016 her kam, später zog ich dann in eine eigene Wohnung. Und es gab tatsächlich Farben in beiden Wohnungen: bei Tatjana hatte ich eine weiß-rote Tapete, meine Mietwohnung war in blau gehalten.

Simón: In Mexiko sind die Häuser farbig, dem südländischen Temperament entsprechend…

Лукас: Ernsthaft? Du hast schon so oft im Ausland gelebt und kommst immer noch mit solchen Stereotypen an?

Simón: Okay, das können wir ja ein andermal diskutieren. Jedenfalls ist mein dreistöckiges Mehrfamilienhaus auch grau und nicht besonders hübsch. Zu meiner Beruhigung ist ein Schild außen angebracht, das potenzielle Diebe abschrecken soll: „Wir sind wachsam.“ Wenn ich nach Hause komme, prüfe ich lieber einmal zu viel, ob alle drei Schlösser abgeschlossen sind. Einmal der Zugang auf den Innenhof, die Haustür und das Gitter vor der Haustür.

Neben meiner Mietwohnung in Mexiko.

Лукас: Sicher ist sicher… übrigens fand meine Mutter die Einrichtung meiner Wohnung schrecklich, als sie hier zu Besuch war. Sie hatte schon recht, die Farben und der Stil sind gewöhnungsbedürftig. Zum Beispiel die glänzend lackierte Schrankwand im Wohnzimmer mit ihren metallischen Schnörkeln – die hätte auch im Wohnzimmer meiner Großeltern stehen können, allerdings aus einer Qualität, die Jahrhunderte hält. Ach ja, die deutsche Handwerkskunst…

Eine gewöhnungsbedürftige Schrankwand.
Der Flur in meiner russischen Mietwohnung.

Simón: Mein Schrank ist eher schlicht gehalten, aber ich kann dein Jammern nachvollziehen. In meiner Wohnung ist auch andauernd etwas kaputt: die Fenster, die Türen, der Abfluss… und vieles davon ist irreparabel und man muss improvisieren. Das nervt!

Лукас: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das in Deutschland so ist. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es prompt vom Vater oder Hausmeister in Ordnung gebracht. Oder idealisiere ich etwa die „Heimat“, was auch immer das sein soll?

Simón: Kann sein. Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner, wobei es hier in Puebla tatsächlich recht hell und kaum vorhanden ist. Mir scheint jedenfalls, dass ich trotz aller Offenheit die Eindrücke aus jener Perspektive beurteile, mit der ich am vertrautesten bin.

Fortsetzung folgt. Mit positiveren Eindrücken.

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